STOCKHEIM

Gewinnbringend oder riskant?

Dr. Thomas Kurz vom bayerischen Landesamt für Umwelt (2. von rechts), referierte im Rahmen einer Bürgerversammlung ...

In einer Informationsveranstaltung Anfang September stellte Dr. Cornelia Waldmann-Selsam, praktische Ärztin in Bamberg, auf Einladung einer Bürgerinitiative Ergebnisse einer internationalen Studie zu den Auswirkungen von Mobilfunkstrahlen vor. Da an diesem Abend mehr das Contra zum geplanten Sendemast auf dem Stockheimer Rathaus Thema war, hatte Bürgermeister Martin Link einen, seiner Meinung nach unabhängigen, Fachmann des bayerischen Landesamtes für Umwelt zur Bürgerversammlung eingeladen.

Als Referenten des Abends begrüßte Bürgermeister Link Dr. Thomas Kurz vom bayerischen Landesamt für Umwelt, Dr. Jörg Geier und Frank Reichert von der Stabsstelle Kreisentwicklung des Landratsamtes Rhön-Grabfeld und den VG-Geschäftsstellenleiter Peter Hehn. In den letzten acht Jahren habe sich das Datenvolumen mehr als vervierzigfacht und der Trend halte an, begann Martin Link seine Ausführungen. Moderne Mobilfunknetze seien daher unverzichtbar. Dabei soll der Ausbau des Mobilfunks umwelt- und sozialverträglich bei sparsamem Flächenverbrauch erfolgen. Im Zentrum kontroverser Diskussionen stünden gesundheitliche Unbedenklichkeit und Technologie.

Nachdem Bürgermeister und Gemeinderäte von Bürgern angesprochen worden waren, ob nicht die Situation des bestehenden Mobilfunknetzes verbessert werden könne, wurde das Gespräch mit der Telekom gesucht, die das bereits vor 15 Jahren abgelehnt hatte. Seit einiger Zeit gebe es aber ein neues Förderprogramm.

Nachdem 75 Prozent der befragten Bürger das Handy als ihren ständigen Begleiter bezeichnet hatten, sollte das Ziel sein, eine zukunftsgerichtete Mobilfunkversorgung im Gemeindegebiet sicherzustellen. Im Moment sei die Telekom der einzige Anbieter, der eine Basisstation errichten möchte. Neben Bauhof, Centstube oder Bahnhof als mögliche Standorte kristallisierte sich das alte Rathaus für den geplanten Sendemast heraus, hier wäre die Sendeleistung ideal.

Referent Dr. Thomas Kurz ist beschäftigt im Sachgebiet „Elektromagnetische Felder“ im bayerischen Landesamt für Umwelt. Mobilfunk war an diesem Abend sein Thema. Auf der rechtlichen Seite müssten Betreiber die Bedingungen zum Betrieb von Sendeanlagen einhalten. Zwei Kriterien gelten dabei: das Baurecht und die Standortbescheinigung, die bundesweit durch die Bundesnetzagentur geregelt werde.

Elektromagnetische Strahlung entstehe bei technischer Nutzung und bei natürlicher Strahlung. Sie teilt sich nach ihrer Frequenz ein in nicht ionisierende und in ionisierende Strahlung. Sichtbares Licht sei auch eine Form von Strahlung und könne Schäden verursachen. Sendeanlagen würden weit im nicht ionisierenden Bereich arbeiten. Krebserregende Wirkungen könnten gar nicht auftreten, weil Strahlen nicht die Energie hätten, um auf Körperzellen zu wirken. Zusammenfassend stellte der Referent fest, dass die Grenzwerte vor den bekannten gesundheitlichen Wirkungen schützen.

Aus der Vielzahl an Forschungsprojekten ergebe sich keine belastbare Evidenz, dass unterhalb der Grenzwerte gesundheitliche Risiken bestehen. Es gebe Hinweise für einen Zusammenhang zwischen hochfrequenten EMF und Hirntumoren, die aber nicht überzeugend seien und sich auf die Nutzung von Mobiltelefonen bezögen.

Die Felder, ausgehend von Rundfunksendeanlagen oder von Mobilfunkbasisstationen, lägen deutlich niedriger als diejenigen körpernah betriebener Geräte. Gesundheitliche Risiken dieser Felder seien nicht bekannt.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde bat Bürgermeister Link wegen der Ausgewogenheit darum, dass nur Stockheimer Bürger Fragen stellen. Ein Besucher erwartet Grenzwerte, bei denen Mobilfunk möglich ist, aber das Risiko für die Menschen minimiert wird. Die Grenzwerte würden sich am Stand der Forschung orientieren, es gebe keine belastbaren Beweise für gesundheitliche Beeinträchtigungen, antwortete der Referent. Ob der Mast gebraucht werde, beantwortete Bürgermeister Link damit, dass der Empfang im Dorf durch den Funkschatten zwischen dem Sendemast in Ostheim und dem in Mellrichstadt schlechter ist. Stockheim sei laut Telekom einer der weißen Flecken beim Mobilfunk im Landkreis.

Dr. Jörg Geier zeigte sich froh über das Angebot eines Mobilfunkanbieters, die Infrastruktur aufzurüsten. Es sei nicht nur eine gute Mobilfunkversorgung zum Telefonieren, in drei bis vier Jahren würde der ÖPNV über ein Rufbussystem laufen, wofür dann das Handy nötig ist. Weitere Angebote wie die Telemedizin würden mit der Funkinfrastruktur einhergehen. Und wenn sich eine Gemeinde als Standort für Wohn- und Lebensqualität vermarkten wolle, seien Kabelanschluss, Handyempfang usw. nötig. Stockheim habe keine flächendeckend befriedigende Situation. Deshalb sei auch der Landkreis daran interessiert, diese Abdeckung im Streutal durch zusätzliche Antennen zu gewährleisten.

Eine Besucherin hat sich kundig gemacht, ob die Sendeleistung in anderen Orten beim Bau des Sendemastes in Stockheim nicht zurückgefahren werde. Effektiv werde es eine Reduktion in den umliegenden Gemeinden geben, meinte der Referent, weil das Versorgungsgebiet kleiner werde. Innerorts sei der Standort die schlechteste Lösung für die Menschen, aber die beste für den Betreiber. Entweder Geld oder Gesundheit – diese Feststellung wurde mit Applaus der „Contra-Fraktion“ honoriert.

Die effektive Strahlenbelastung sei etwas höher als jetzt, wenn der Sendemast kommt, wurde eine Frage beantwortet. Heutiger Forschungsstand sei, dass Restrisiken beim Handy gesucht würden und nicht bei den Basisstationen. Es werde die Möglichkeit geschaffen, auf mindestens 15 Jahre Technologien zu bekommen, von denen heute noch gar nichts gewusst werde, machte sich ein Gemeinderat für das Projekt stark.

Am Ende der Veranstaltung lobte Bürgermeister Link die Diskussionskultur an diesem Abend. Was wohl auch an der ruhigen und sachlichen Art des Referenten lag.