Bildung

Geröllfelder
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Im festlichen Rahmen von Schulabschlussfeiern versäumen es unsere Granden nie, den Jugendlichen der Heimat wertvolle Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben. Vom Tüchtigen, dem angeblich die Welt gehört, ist dann die Rede, von den Lorbeeren, auf denen man sich nicht ausruhen darf. Cool! Spätestens dann, wenn das „lebenslange Lernen“ an der Reihe ist, verfallen viele der herausgebrezelten jungen Menschen in jenen Zustand, in dem sie weite Teile ihrer Schulzeit verbracht haben, eine Art „Duldungsstarre“.

Ganz klar: In unserer kommerzialisierten Gesellschaft besitzt Bildung einen enormen Stellenwert. Musikunterricht ist wichtig. Aber nur, weil sich dabei Synapsen bilden, die im Beruf einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Kein Wunder, dass Helikopter-Eltern hysterisch reagieren, wenn es „ernst“ wird. Justus und Anna-Lena müssen doch „wenigstens“ das Abitur machen! Fast die Hälfte aller Schüler macht es. Wir werden immer „gscheiter“! Dafür bleiben im Handwerk allein in Unterfranken über 1.000 Lehrstellen unbesetzt. Deutsche „Kids“ finden dreckige Hände uncool. Man studiert lieber. Aber komisch ist das schon: Obwohl es noch nie so viele Studenten gab, fehlen bei uns Ärzte, Lehrer und Ingenieure.

Was studieren die eigentlich? Im Zuge des „Bologna-Prozesses“ kann man heute zwischen 19.000 (!) Studiengängen wählen. Aber verdienen Akademiker nicht besser, werden sie nicht seltener arbeitslos? Das ändert sich gerade. Einer 30-jährigen Berufseinsteigerin, die – aus welchen Gründen auch immer – ihren Master in „Sportbusiness Management“ gemacht hat, kann es blühen, dass sie mit befristetem Arbeitsvertrag im Callcenter von Adidas landet, wo sie Turnschuhe verkauft. Im Schichtdienst.

Ein 24 Jahre alter Maurermeister, um den man sich auf dem Arbeitsmarkt reißt, würde sich über ihr Gehalt kranklachen. Die Berufswahl ist schwierig! Gut, dass es in unserem schönen Industriestädtchen so viel Hilfestellung gibt: „Hochschultage“, „Infotage Jugend & Beruf“, „Jobmeile“, „Azubi-Quest“. Und so weiter. Die Veranstaltungen zeigen Wirkung: Nur jede/r Dritte bricht das Studium ab; nur jede/r Vierte schmeißt die Lehre hin. Für Politiker steht fest, dass man für gute Bildung bloß tüchtig Geld ins System pumpen muss. Am Besten in Exzellenz-Unis oder Hightech-Labors der Oberstufe. Das gibt schöne Fotos!

Und natürlich in „Digi-Dorotalisierung“. Lernpsychologen halten dagegen, dass die ersten Schuljahre die wichtigsten sind. Warum verdienen eigentlich Grundschullehrerinnen weniger als Lehrer an Berufsschulen oder Gymnasien? Unsere „Bildungsexperten“, meist hervorragende Theoretiker, beweisen Mut zu Reformen. Nicht nur Schüler leiden unter Hyperaktivität! Denken Sie an die Hauptschule, die man durch Umbenennen in „Mittelschule“ kostenneutral aufgewertet hat; denken Sie an das wieder abgeschaffte G8. Alles „wissenschaftlich“ begleitete Erfolgsstorys.

Genau wie das seit vielen Jahren praktizierte „Schreiben nach Gehör“. Bei dieser „Methode“ schreiben Abc-Schützen Wörter so, wie sie sie hören. Rechtschreibung spielt dabei keine Rolle. Lehrer und Eltern dürfen nicht korrigieren. Wegen der „Motivation“! Das ist kein Witz. Erst ab der 3. Klasse wird „richtig“ geschrieben. Kinder als Versuchskaninchen. Erfahrene Lehrerinnen schlugen bei der Einführung die Hände über dem Kopf zusammen. Seither wundert man sich über die katastrophalen Rechtschreibkenntnisse vieler Schüler. Betriebe bescheinigen einigen Azubis schlicht „Ausbildungsunfähigkeit“. Aber erst nachdem der Humbug auch „wissenschaftlich“ als solcher enttarnt worden war, rang sich Bayern als erstes Bundesland dazu durch, die „traditionelle Lehrmethode“ wieder zu erlauben. Mahn Musik dass forstählen.