Glaube

Geröllfelder
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Advent hin oder her: Auch die Heimat ist nicht mehr so fromm, wie sie einmal war. Zumindest auf den ersten Blick. Die Kirchen werden immer leerer, die Pfarrer immer älter. Das „Vaterunser“ kennen viele gar nicht mehr. Traut man den Umfragen, glaubt nur noch jeder vierte Deutsche an einen Gott im christlichen Sinn. Andererseits leben in Großstädten zunehmend Menschen aus Kulturkreisen, in denen die Religion nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. So gesehen sind die Metropolen „frömmer“ als das Land geworden. Wer hätte das gedacht!

In der Heimat wird die einstige „Volksfrömmigkeit“ gerne zu folkloristischen Zwecken inszeniert, auch wenn das unsere Granden natürlich nie zugeben würden. Sie versuchen immer noch, das Bild einer kleinen heilen Welt aufrechtzuerhalten. Bei sakralen Bauwerken stehen aber längst museale oder denkmalschützerische Aspekte im Vordergrund. Konservative konservieren nun mal gerne!

Denken Sie nur an das Bruder-Franz-Haus. Oder an unsere „Bildstöcklich“. Die werden bekanntlich vor jedem Winter in schwarze Dachpappenkästen „eingehaust“ und erinnern dann auf bestürzende Weise an Mini-Versionen der Kaaba, das islamische Heiligtum in Mekka. Früher wäre eine solche Maßnahme undenkbar gewesen. Die Ureinwohner hätten rebelliert! Blasphemie! Wie soll man denn etwas „Eingehaustes“ nutzen. Und man hat sie genutzt, die „Bildstöcklich“. Fast jeder, der zufällig an einem vorbeikam, brachte kurz ein Anliegen vor oder zog zumindest die „Kappe“, um mit gesenktem Kopf ein „Gelobt sei Jesus Christus“ zu murmeln.

Wir Ü50er haben das noch mit eigenen Augen gesehen! Schnee von gestern. Heute geht es um Denkmalschutz. Das bedeutet freilich nicht, dass wir ein Volk von Ungläubigen geworden sind. Nehmen Sie den Weihnachtsmarkt unseres schönen Industriestädtchens. In diesem Jahr wurden die „besinnlichen Tage“ mit einem fetzigen Trommelkonzert eröffnet. Eisbahn und Almhütte sind längst in Betrieb; die ganze Innenstadt erstrahlt in festlicher Disneyland-Beleuchtung. Ein Kulturkritiker bezeichnete Weihnachtsmärkte in der Heimatzeitung kürzlich als die „Ballermänner der staden Zeit“. Sie dienten nur dazu, kauflustige Menschen in die Städte zu locken. Das stimmt natürlich.

Das Ganze lässt sich allerdings auch ganz anders deuten. Steht hinter den Weihnachtsmärkten nicht ein tiefer Glaube? Natürlich! Wir glauben an den Konsum. Wenn wir nur genug konsumieren, werden wir alle glückselig; wenn die Wirtschaft nur immer weiter wächst, wird auf wundersame Weise alles „heil“. Das ist die globale „Frohe Botschaft“ des 21. Jahrhunderts!

Aber auch auf lokaler Ebene entwickeln sich neue Formen der Spiritualität. Der Birkhuhn-Kult zum Beispiel. Diese moderne Form des Animalismus erhöht „auserwählte“ Vögel zur „Leittierart“, deren Bestand es künstlich zu erhalten gilt. Und zwar bis in alle Ewigkeit. Amen! Seit zehn Jahren unternimmt man deshalb „Pilgerfahrten“ nach Schweden. Dort werden jeweils 15 Exemplare „zwangsmissioniert“ und ins „gelobte Land“ (die Rhön) verfrachtetet, wo man sie dann nach einer rituellen „Besenderung“ aussendet und dem Verkehr der Hochrhönstraße opfert.

Tieropfer erfreuen sich übrigens auch bei einigen Ureinwohnern Papua-Neuguineas großer Beliebtheit. Von den mittlerweile 150 eingeschleppten Viechern leben keine 20 mehr, was von den Gläubigen im liturgischen Rahmen einer „Birkhuhn-Zählung“ alljährlich groß gefeiert wird. Das angeführte Beispiel belegt eindringlich, dass zumindest Naturschützer durchaus noch fähig sind, an etwas zu glauben, was den menschlichen Verstand übersteigt. Man muss sich das vorstellen.