Demografie

Geröllfelder
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Zu den wohl spannendsten Trends, die sich in der Heimat aktuell abzeichnen, gehört zweifellos die Bevölkerungsentwicklung. Während heute allenthalben noch „nachhaltiges Wachstum“ gepredigt wird, behaupten Zukunftsforscher ja allen Ernstes, die Antwort auf viele drängende Fragen werde künftig nicht „mehr“, sondern „weniger“ lauten. Auch der Papst glaubt das.

Bei uns präsentieren die Granden allerdings nach wie vor am liebsten möglichst fette Wachstumsraten. Alles wächst: die Wirtschaft, der Verkehr, die Neubaugebiete, alles – bis auf die Bevölkerung. Denn die schrumpft. 2004 lebten im Landkreis 6.900 mehr Menschen als heute. Und es kommt noch dicker! Die neuesten Zahlen, die das statistische Landesamt jetzt veröffentlicht hat, lassen aufhorchen. Danach nimmt Rhön-Grabfeld mit erwarteten 6,9 Prozent Rückgang den Spitzenplatz ein. Wir sind einfach überall spitze!

In den nächsten 20 Jahren werde die Einwohnerzahl noch einmal um 5.500 sinken, heißt es, von derzeit 79.800 auf 74.300. Aber keine Panik: Dafür steigt das Durchschnittsalter auf 48 Jahre. Und die Statistiker lagen ja schon oft daneben. Der „Schwund“ könnte durchaus höher ausfallen. Trotzdem: 12.400 Menschen weniger als im Jahr 2004! Das sind mehr als sämtliche Bürger von Aubstadt, Burglauer, Großbardorf, Hendungen, Herbstadt, Heustreu, Hollstadt, Rödelmaier, Sandberg, und Unsleben zusammen. Und Willmars!

„Ohne Veränderung keine Zukunft“, gab sich der Landrat kürzlich überzeugt. Während die Weltbevölkerung explodiert und sogar Oberbayern um satte neun Prozent zulegt, setzt die Heimat gewissermaßen den Gegentrend zum Mainstream. Allerdings wird dieses Alleinstellungsmerkmal gerne verheimlicht. Man glänzt lieber mit zertifizierten Wanderwegen. Fast scheint es, als ob man sich der sinkenden Einwohnerzahl schämt. Schluss damit! Schrumpfregionen müssen raus aus der Schmuddelecke. Ihnen gehört die Zukunft. Warum werden wir nicht zur „Demografischen Modellregion“? Natürlich! Ein neues Leuchtturmprojekt!

Mal Klartext: Die Weltbevölkerung kann nicht ewig wachsen. Die Frage lautet nicht „ob“, sondern „wann“ das globale Gesundschrumpfen einsetzt. Und unsere Heimat übernimmt dabei eine Vorreiterrolle. Während dieser unvermeidlichen Konsolidierungsphase treten typische Nebenwirkungen auf: Überalterung, Fachkräftemangel und Rentenprobleme. Da müssen wir durch! Nach jahrzehntelanger Ein-Kind-Politik bekommen das jetzt auch 1,3 Milliarden Chinesen zu spüren. Und wir in Rhön-Grabfeld werden ihnen zeigen, wo?s lang geht! Schließlich hat sich Peking ja auch im industriellen Bereich eine dicke Scheibe von uns abgeschnitten. An Ideen mangelt es nicht.

Der Fachkräftemangel ließe sich durch Zuwanderung abmildern. Schon heute arbeiten im „Campus“ Ärzte unterschiedlichster Nationalität. Außerdem könnten für Hochbetagte, die geistig noch einigermaßen „beinander“ sind, Senioren-Studiengänge eingerichtet werden. Das lenkt ab! Immerhin ist unser schönes Industriestädtchen ja ein Hochschulstandort. Vor allem aber gilt es, das Renteneintrittsalter zügig an die Lebenserwartung anzugleichen. An beiden Schräubchen lässt sich drehen!

Unsere Granden gehen mit gutem Beispiel voran: Immer mehr Aktivsenioren. Allerdings muss der Frauenanteil steigen. Denn weil Frauen statistisch ja etliche Jahre länger leben als Männer, wird bei steigendem Durchschnittsalter die Heimat nicht nur greiser, sondern auch weiblicher. Na also! Horst Seehofer oder Donald Trump zeigen, wozu aktive Ü/U70er noch imstande sind. Sie zeigen aber auch die Grenzen auf. Man muss sich das vorstellen.