EL NIDO

Die Deutsche als Hauptattraktion

Viola Neugebauer über einem Palmenwald.

Schätzen lernen, was man zu Hause hat. Während meiner Reisen habe ich diesen Satz schon öfters erwähnt. In den USA hab ich es vor allem beim Bildungssystem gemerkt, in Asien generell bei der Zuverlässigkeit der Mitmenschen und auf den Philippinen bei dem Lebensstandard. Im letzten Monat gab es einige Momente, bei denen ich Deutschland umso mehr zu schätzen gelernt habe.

Nachdem ich mein Haus bezogen hatte, haben meine Freunde mir empfohlen, Eimer und Ähnliches zu besorgen, um Wasser zu sammeln. Glücklicherweise habe ich Ihren Rat befolgt. Es kam nicht nur einmal vor, dass kein Wasser aus dem Hahn kam. Man gewöhnt sich daran, wenn es nur ein paar Stunden sind. Jedoch gibt es nun seit zwei Wochen nur noch zwei mal am Tag für jeweils eine Stunde Wasser.

Duschen mit Eimern und Toilette spülen ist da nicht einfach. Mit einer großen Tonne vor dem Haus aber definitiv machbar. Die Einheimischen haben mir erzählt, dass die Wasserknappheit jedes Jahr ein wenig früher kommt und es weniger regnet. El Nido wird wegen der anhaltenden Trockenheit nun El Nino genannt. Darüber freuen sich nur die Touristen. Typisch Pinoy werden Probleme nur kurzfristig gelöst.

Anstatt ordentliche Wasseraufbereitungsanlagen zu bauen, wird die Wasserversorgung begrenzt und weiter neue Häuser gebaut. Das schnelle Geld ist wichtiger als die langfristige Versorgung. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, aber dies ist halb so wild. Elektrizität ist nun wirklich nicht lebenswichtig.

Ein funktionierendes, bestens ausgestattetes Notfallteam ist auch nicht vorhanden. Dies konnte ich während der Arbeit am eigenen Leibe erfahren. Unser Boot und Crew wurde für einen Gästetransfer auf die Nachbarinsel Coron gemietet. Mit der schnellen Fähre dauert dieser Transfer drei Stunden. Mit unserem Boot acht bis neun Stunden.

Die Reiseagentur hatte Ihren Gästen erzählt, dass dies fünf Stunden dauern wird und es Mittagsessen auf dem Boot gibt. Davon wussten wir leider nichts und somit gab es kein Mittagessen. Dementsprechend waren uns unsere Gäste von Beginn an nicht ganz wohlgesonnen. Nach gut vier Stunden hatten wir aufgrund extremen Wellengangs ein Motorproblem, das wir leider nicht lösen konnten. Mitten im Meer mit 16 Gästen auf einem Boot ohne Handyempfang. Die Gäste in dieser Situation zu beruhigen, war kein Vergnügen.

Nach einer Stunde erreichten wir endlich den Coastguard, um uns ein Rettungsboot zu schicken. Das theoretisch nur eine Stunde brauchen sollte. Natürlich kam es nach Filipino-Zeit erst nach zwei Stunden. Jedoch war es zu diesem Zeitpunkt bereits sehr dunkel und unsere Gäste hungrig und verängstigt. Was man auch verstehen muss. Nach einer Nacht in einem Basecamp ohne Essen und nur wenig Wasser ging es dann mit zwei kleineren Booten nach Coron. Diese Strecke hat jedoch wieder acht Stunden gedauert.

Mein Freund Ninio und ich mussten als Tourguides die Gäste nach Coron begleiten. Ohne Geld, Zahnbürste oder Wechselklamotten kamen wir in Coron an. Verbrachten dort die Nacht auf dem Boot mit der Crew und machten uns am nächsten Morgen mit 16 neuen Gästen auf den Weg nach El Nido. Aber wir wären nicht auf den Philippinen, wenn nicht wieder was schief gegangen wäre.

Das Reisebüro dieser Reisegruppe hatte ihnen auch ein „Märchen“ verkauft. Fünf Stunden mit Mittagessen und für jeden eine Sitzgelegenheit direkt nach El Nido. Uns wurde allerdings kommuniziert, dass wir nach San Fernando auf die andere Seite der Insel fahren werden, es einen Transfer mit einem Van gibt und kein Essen. Nach zwei Tagen ununterbrochen auf dem Boot ohne jegliche Annehmlichkeiten mit 16 sehr verärgerten Gästen hat mir der letzte Tag mit 16 neuen Gästen den Rest gegeben. Am Ende haben wir aber auch diese Gäste sicher und heil nach El Nido gebracht. Ich jedoch war am Ende meiner physischen und psychischen Kräfte.

Eine Hardcore-Erfahrung, die ich aber dank meiner lieben Filipinos gut überstanden habe. Denn Pinoys würden niemals jemandem „den Hunden vorwerfen“. Sie versuchen alles, um zu helfen und gehen jedes Problem mit Leichtigkeit und einem Lächeln auf dem Gesicht an. Auf einem Boot zu schlafen und zu leben mit Pinoys, die kaum Englisch sprechen, in der Nacht die Kälte des Meereswindes ertragen und tagsüber versuchen, sehr aufgebrachte Gemüter zu besänftigen waren Vorkommnisse die ich mir so nicht hätte vorstellen können.

Diese Tage sind jedoch nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Größtenteils genieße ich jede Minute. Ich durfte einige neue Dinge lernen und erleben. An meinem Geburtstag habe ich tagsüber gearbeitet und Abends meine Freunde eingeladen. Weil ich keine Zeit hatte, zum Markt zu gehen, haben meine Nachbarn für mich eingekauft und das Kochen angefangen. Wir haben einen typisch philippinischen Boodle Fight vorbereitet. Auf leicht gegrillten (zur Desinfektion) Bananenblättern werden Reis, gegrilltes Fleisch und Fisch, Früchte und Gemüse ausgebreitet. Gegessen wird mit den Händen. Jeder hilft kochen und vorbereiten. Viele bringen Bier und Rum mit und sorgen für einen tollen Abend. Eine meiner schönsten Geburtstagsfeiern. Und die Feier hat mich nicht mal 50 Euro gekostet.

Eine Woche später ging es für Freunde und mich in ein kleines Fischerdorf, um Fiesta zu feiern. Anderthalb Stunden entfernt von El Nido. Jedes Dorf hat jährlich an seinem Gründungstag eine dreitägige Fiesta. Traditionelle Tänze, Spanferkel, Budots (die traditionelle Musik der Filipinos), viel Karaoke und Tanz. Ich war die „Hauptattraktion“. Jeder kannte nach dem ersten Tag meinen Namen und viele luden mich zum Tanzen ein. Kinder kamen mit Kameras, um Bilder mit mir zu schießen. Eine außergewöhnliche Erfahrung.

Gasthäuser gab es nicht. Wir sind in dem Elternhaus eines Freundes untergekommen. Wir vier Mädels teilten uns das 1,40 Meter große Bett. Viel Schlaf gab es da natürlich nicht. Auch durfte ich ein typisches Pinoy-Frühstück essen. Getrockneter Fisch in Sojasoße gebacken mit Reis und Essigsoße. Mein Lieblingsessen wird es nicht, aber es war gar nicht mal schlecht. Dort konnte ich auch ein wenig die Gegend erkunden. Herrliche Orchideen wachsen da überall. Dass Hühner und Ziegen frei herum laufen, war für mich bereits ein bekanntes Bild. Dass aber auch Schweine, Kühe und Wasserbüffel sich überall frei bewegen, war erstaunlich.

Ein beliebter Zeitvertreib sind Glücksspiele. Selbst die Jüngsten machen schon mit. Es gibt verschiedenste Versionen. Grundsätzlich sind es Kugeln oder Würfel mit verschiedenen Farben bemalt, die fallen gelassen werden und die Farbe, auf welche man gewettet hat gewinnt, wenn sie nach oben zeigt. Eine lustige Beschäftigung definitiv. Jedoch ist Karaoke die ultimative Lieblingsaktivität der Pinoys. Sich ohne Scheu die Kehle aus dem Leib zu singen, egal ob man es kann oder nicht, ist die Belustigung aller Festivitäten. Mittlerweile singe ich auch mit voller Freude jeden Song, selbst Songs in Tagalog (Filipino) und liebe es.

Nach drei Tagen ging es sehr geschafft wieder nach El Nido. Dort erwartete mich ein weiteres Highlight neben meiner bereits atemberaubenden Arbeit als Tourguide. Schildkröten schlüpfen. An unserem Surf Spot dem Duli Beach Resort legen jährlich einige Schildkröten ihre Eier am Strand. Die Besitzer und wir sammelten diese und brachten sie in Nistkästen. Nachdem sie geschlüpft waren, ließen wir die Baby-Schildkröten zum Sonnenuntergang regelmäßig ins Meer krabbeln. Eines der schönsten und herzlichsten Erlebnisse für mich.

Durch diese Aktionen wird die Quote der Schildkröten, die es ins Meer schaffen, von ca. 30 Prozent auf fast 95 Prozent erhöht. Dies bedeutet leider nicht, dass diese dann auch überleben. Jedoch schaffen es fast alle Babys eines Nestes ins Meer. Was teilweise eine beachtliche Anzahl von 160 Babys und mehr sind. Manchmal bringt Tourismus auch Positives für die Umwelt. Denn viele Filipinos realisieren nicht mal, dass Schildkröten ihre Nester am Strand gebaut haben.

Filipinos leben von Tag zu Tag. Bekommen täglich, wöchentlich und manchmal monatlich Ihre Gehälter. Sparen gehört nicht zu ihrer Kultur und fällt Ihnen unheimlich schwer. Natürlich sind die niedrigen Löhne der Grund, weshalb oft das Geld knapp ist.

Dies bemerkt man auch auf den Friedhöfen, auf denen die Gräber überirdisch und mehrstöckig sind. Anfangs dachte ich, es hat was mit ihrem Glauben zu tun. Nachdem aber Pinoys meist katholisch sind machte das keinen Sinn. Mein Arbeitskollege erklärte mir, dass schlichtweg nicht genug Geld für mehrere Gräber einer Familie vorhanden ist. Deshalb werden die Gräber mehrstöckig.

Was ich mir nun auch erklären kann, ist der große Verbrauch an kleinen abgepackten Einmal-Plastik-Shampoos, -Zahnpasta, –Wasch- und Spülmittel. Ich habe mich immer gefragt, wieso Menschen mit wenig Geld nicht in großen Mengen kaufen, um Geld zu sparen. Viele Familien würden dies gerne tun, jedoch ist das Geld zu knapp, weshalb nur kleine Mengen finanziert werden können.

Dies verursacht eine immense Menge an Plastikmüll, was die Filipinos gerne vermeiden würden aber aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. Ein trauriger Kreislauf, der auch zur Verschmutzung unserer Weltmeere und Umwelt beiträgt nachdem der Umgang mit dem Müll auf den Philippinen auch ein Problem ist. Zumindest versuchen touristische Gegenden wie El Nido, durch Plastikverbote diese Probleme zu verringern. Es ist immer noch ein weiter Weg, aber ein Anfang.

Meine Zeit neigt sich langsam dem Ende zu und ich kann mir nicht richtig vorstellen, wieder in die Zivilisation zurück zu kehren. Jedoch gibt es davor noch Einiges zu erleben. Eine philippinische Hochzeit, Besuch eines verschollenen Verwandten meines Freundes Ninio und sicherlich auch noch manch Anderes. Salamat Po!

Die Mühlbacherin Viola Neugebauer hat derzeit ihren Arbeitsplatz auf den Booten.
Ein philippinischer Markt mit frischen Lebensmitteln.