Bad Neustadt

Europawahl: Ist Brüssel wirklich an allem Schuld?

Ein Prosit aus dem "Keferloher": (Von links) Jörg Geier (Stabstelle Kreisentwicklung), Heinz Stempfle ...

Sagt Ihnen die kryptisch klingende Verordnung Nr. 1677/88/EWG etwas? Wohl kaum. Wenn man aber weiß, dass sich dahinter die "Gurkenverordnung" verbirgt, dann schon eher. Vor über 20 Jahren war der Begriff ein Dauerbrenner an den Stammtischen. Mit dieser Verordnung der Europäischen Gemeinschaft wurden Qualitätsnormen von Gurken festgelegt. Man wollte sich EU-weit auf möglichst gerade Gurken verständigen. Das Ziel: Mehr gerade Gurken stapeln und damit auch transportieren. 

Die Verordnung, die 2009 wieder abgeschafft wurde, sorgte für viel Gelächter und hatte sich als Paradebeispiel für den vermeintlichen Regulierungswahn aus Brüssel in den Köpfen der Bürger verfestigt. Ein Irrglaube: Denn dieser Wunsch nach einer Regulierung kam nicht aus der EU-Kommission, sondern aus dem Handel oder von Lobbygruppen.

Angestauter Ärger bei Habermann

Zurück im Jahr 2019 steckt dieser Irrglaube kurz vor der anstehenden Europawahl weiterhin in vielen Köpfen. Und das wurmt unter anderem Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann sehr. Bei ihm, der seit eineinhalb Jahren im Europäischen Ausschuss der Regionen sitzt und die Interessen des Landkreises in Brüssel vertritt, hatte sich in den vergangenen Wochen und Monaten deswegen viel Ärger angestaut. "Es gibt zuletzt immer nur Kritik an Brüssel, aber die Probleme kommen häufig aus Deutschland oder Bayern", erklärt er bei einem Gespräch. Und das will er demonstrieren -  anhand eines praktischen Beispiels. Statt Gurke geht es konkret um den Bayerischen Ton-Bierkrug. Ein Thema, das die Rhöner Gefühlswelt Anfang des Jahres in Wallung brachte,  als bekannt wurde, dass auf dem Kreuzberg künftig der Glaskrug das Sagen haben soll  . Neben dem Zeitfaktor erklärte die scheidende Geschäftsführerin Angelika Somaruga damals, dass die EU-Gesetzgebung ein Grund für die Umstellung sei. Der sogenannte "Keferloher", wie der graue, salzglasierte Bierkrug offiziell heißt, also eine aussterbende Spezies? Nicht wirklich.

In der EU-Richtlinie 2004/22/EG ("Messgeräterichtlinie") vom 31. März 2004 hieß es, dass die EU den Verbraucher schützen will. Er soll zweifelsfrei anhand eines Strichmaßes erkennen können, was und wie viel er im Glas oder Krug erhält. Wie diese Richtlinie letztlich aber gestaltet wird, ist den einzelnen Mitgliedsstaaten selbst überlassen. Deutschland tut dies seit 2015 in der neuen Mess- und Eichverordnung. Diese Verordnung erlaubt den Ausschank von Bier in Tonkrügen unter zwei Bedingungen: Die Füllhöhe muss auf Wunsch des Gastes nachkontrolliert werden, zum anderen muss ein Anhang auf das Recht des Konsumenten hinweisen.

Kurioser Warnhinweis

Richtig kurios wurde es dann aber 2017, als neu bestellte Tonkrüge in Deutschland plötzlich an deren Boden mit dem Warnhinweis "Nicht für schäumende Getränke zu verwenden" ausgeliefert wurden - ein Vorstoß des deutschen Gesetzgebers. Dieser wollte so die besagte EU-Richtlinie umsetzen, dass für den Ausschank schäumender Getränke nur noch Gefäße verwendet werden, deren Messstrich von außen gut sichtbar ist. Denn ein Bierkrug gelte künftig als "gesetzliches Messgerät". Und im traditionellen Keferloher ist der Eichstrich eben innen angebracht. 

Ein großes Missverständnis, wie die EU-Kommission Anfang 2017 klarstellte. Diese wollte sich den Vorwurf von "realtitätsfernen EU-Politikern", die EU erlaube den Ausschank von Bier aus Tonkrügen nicht mehr, nicht vorwerfen lassen. In der damaligen Erklärung hieß es, dass die Richtlinie dafür nicht ausgelegt sei - mit einer einfachen technischen Begründung. Denn solche Krüge eignen sich selbst bei Anbringung eines Eichstrichs aufgrund des nicht durchsichtigen Materials nicht als Messgeräte für den Ausschank von schäumendem Bier. Die Richtlinie habe die Mitgliedsstaaten trotzdem keineswegs verpflichtet, so die Erklärung weiter, den Gebrauch von Steinkrügen für Bier in Gaststätten zu verbieten.

Kurzer Spuck schnell vorbei

Der Spuck mit den kuriosen Warnhinweisen hatte danach in Bayern auch schnell ein Ende. Das Bayerische Landesamt für Maß und Gewicht hat diese eichrechtlichen Anforderungen reduziert. Seit dem 1. Juni 2017 entfällt der Hinweis - die Rettung also für schäumendes Bier auch in undurchsichtigen Krügen. Einzige Voraussetzung: Der Gastronom muss seine Gäste deutlich sichtbar darauf hinweisen, dass auf Wunsch ein geeeichtes, durchsichtiges "Umfüllmaß" zur Verfügung gestellt wird. So kann der Gast kontrollieren, ob das Bier auch korrekt eingeschenkt wurde.

Karl-Wilhelm Wehner, Inhaber des Gasthofes am Markt auf dem Bad Neustädter Marktplatz, hat diesen Hinweis beispielsweise an seinem Zapfhahn hängen. Nach einem solchen Messgerät hat aber bislang noch keiner gefragt - außer der Landrat höchstpersönlich. "Ich habe das mal in Gesprächen aufgeschnappt und wollte das beim Kalli dann mal testen", erzählt Habermann verschmitzt. Gesagt, getan, "auch wenn ich normalerweise solche Gäste rauswerfe", konterte Wehner ebenfalls mit einem Lächeln. Dabei können sich die Gäste dieses Kontrollinstrument laut Wehner eigentlich sparen, wenn sie einen kleinen Trick, der physikalischen Grundlagen unterliegt, befolgen: "Sobald sich der Schaum beim Schütteln des Kruges bewegt, dann ist dieser richtig eingeschenkt". 

Das abschließende Fazit von Thomas Habermann: "Europa unterbindet regionale Besonderheiten nicht und Deutschland sowie Bayern haben gute Lösungen für den Bierausschank im Keferlohrer gefunden". 

Der "Keferloher"
Der Begriff des traditionellen bayerischen Keferlohers geht zurück auf den Ort Keferloh in Oberbayern. Dort fand seit dem 14. Jahrhundert bis zur Etablierung des Münchner Oktoberfestes Mitte des 19. Jahrhunderts die größte, jährlich stattfindende Menschenansammlung Bayerns statt. Das ausgeschenkte Bier wurde in einem Tonkrug mit geraden Wänden gereicht. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Keferloher auch von der Gastronomie entdeckt und in Wirtshäusern, Biergärten oder auf Volksfesten eingesetzt. Die Vorteile: Das Tongefäß soll das Bier länger kühlen und die Salzglasur des Kruges die Kohlensäure besser in diesem halten. Die Folge: Das Bier wirkt so insgesamt frischer.