Bad Neustadt

Bad Neustadt: Ein Leben geprägt von Arbeit, Herzensgüte und Sangesfreud’aus voller Kehl’!

Ehrentraud Kehm

"Sie war bis zu ihrem letzten Atemzug hellwach im Kopf. Das war für uns alle gut zu wissen, das hat uns ein wenig über ihren Tod hinweggetröstet", beschreibt Ehrentrauds Sohn Rudolf die Gefühle der Hinterbliebenen. Am vergangenen Sonntag schlief die beliebte "Brenderin" im BRK-Altenheim in Bad Neustadt friedvoll ein - genau dort, wo sie sich am wohlsten fühlte.

Geboren am 30. November 1928 in Wermerichshausen ging es für das kleine Mädchen schnell nach Brendlorenzen, wo es mit ihren jüngeren Brüdern Ewald und German bei ihren Eltern Maria und Eduard Kehl aufwuchs. Diese betrieben den Gasthof "Goldener Stern" in der Hauptstraße und hatten nur wenig Zeit für ihre Kinder. Im nahe gelegenen Kindergarten fand sie bei den Barmherzigen Schwestern ihre zweite Heimat und ihren tiefen Glauben, kümmerte sich liebevoll um ihre zwei Brüder und half schon sehr früh im elterlichen Gasthof mit, wo sie mitten in den Wirren des 2. Weltkriegs als "Haustochter" angestellt wurde.

Zwei große Leidenschaften: Schwimmen und Singen

Die großen Leidenschaften Ehrentrauds waren das Schwimmen, vor allem aber das Singen. Bereits mit zwölf Jahren bereicherte sie den Chor, beherrschte perfekt alle Stimmlagen und lernte mit Begeisterung viele Lieder und Strophen auswendig. So war sie schon sehr früh im Brender Singkreis aktiv, dem sie bis in die 1980er Jahre die Treue hielt. Mit ihrem Frohsinn und ihrer Leidenschaft für den Gesang mischte sie in den letzten Jahren sogar das BRK Alten- und Pflegeheim auf, wo die rüstige Dame einen "musikalischen Frühschoppen" einführte und dazu den Sekt und die passenden Chorstimmen spendierte.

Nach Kriegsende trat Robert in ihr Leben, zu Beginn erst einmal nur ihre "heimliche große Liebe", weil Papa Eduard etwas dagegen hatte. "Dann eben hinter dem Rücken des Vaters", dachte sich das junge Pärchen. Robert besuchte die Tanzveranstaltungen, wenn Ehrentraud im Saal bediente und holte sie stets von den Chorproben ab. Irgendwann aber war aller Widerstand gebrochen: Zur Währungsreform gab es 40 Mark "Kopfgeld", die Robert sofort in eine schicke Handtasche umsetzte und sie seiner geliebten Ehrentraud schenkte. Am 9. Oktober 1951 schließlich wurde der Bund der Ehe geschlossen und auf einer abenteuerlichen Hochzeitsreise im selbst "gebastelten" VW Käfer entsprechend gefeiert.

Sieben-Tage-Arbeitswoche und eine selbst auferlegte "Urlaubssperre"

Nach der Geburt der beiden Kinder Ulrike und Rudolf ging es ran an die Aufbauarbeit: Autohaus-Neubau mit Tankstelle in der Hauptstraße 7 im Jahre 1960 und danach Vergrößerung und ein weiterer Neubau 1981 – jetzt präsentierte man mit Verkauf und Werkstatt die Marken Mercedes-Benz, Audi und VW. Die Schattenseiten lagen auf der Hand: eine Sieben-Tage-Arbeitswoche, kaum Zeit für die Familie und eine selbst auferlegte "Urlaubssperre". Erst zu Beginn der 1970er Jahre nahm sich das Unternehmerpaar etwas mehr Zeit und sah sich ein bis zwei Wochen im Jahr ein wenig in Europa um.

Als die Betriebe 1988 an die Kinder übergeben waren, kümmerte sich Ehrentraud im Hintergrund weiter um die Unternehmen, vor allem aber um ihren gesundheitlich angeschlagenen Mann, der 2007 ins Pflegeheim übersiedelte und dort im Jahr 2014 verstarb – ein schwerer Schlag für Ehrentraud Kehm, über den ihr einzig ihr unbeirrbarer Glaube hinweghalf.

Der FC Bayern München und die Formel 1

"Wenn ich an sie denke, kommt mir aber auch noch die Formel 1 und Fußball in den Sinn, das hat sie so geliebt", erzählt Tochter Ulrike über ihre Mutter. Und über soviel Passion kann man wirklich nur staunen: Als Ehrentraud Kehm, absoluter Fan des FC Bayern, zehn Tage vor ihrem Tod nach einem medizinischen Eingriff auf der Intensivstation aufwachte, fragte sie die Ärzte sofort, wie denn die Bayern in der Champions League gespielt hätten. Sie blickte aber nur auf Achsel zuckende Pfleger und Mediziner, was sie humorvoll mit dem Satz quittierte: "Was seid Ihr denn nur für Männer?!?!"