Bad Neustadt

Glosse: Wahrheit

Auch in dieser besinnlichen Corona-Zeit werden die Menschen der Heimat mit Fake-News zugemüllt. Für Aufregung im Netz sorgte kürzlich eine Sprachnachricht. Da behauptete jemand allen Ernstes, dass viele Covid-Patienten im Campus vollständig geimpft seien. Die Mitarbeiter hätten sich aber "verpflichtet", das für sich zu behalten. Wer kommt auf so etwas?

Eine vergiftete Impf-Debatte hat auch die Heimat längst gespalten. Diskussionen werden mit fast schon religiösem Fanatismus geführt. Dabei fällt es schwer, zu unterscheiden, was "wahr" ist und was nicht. "Was ist Wahrheit?", fragt Pontius Pilatus im Johannesevangelium. Natürlich dementierten Sprecher des Rhön-Klinikums die absurde Behauptung umgehend. Der Artikel "Durchbrüche stellen Impfung nicht infrage", der kurz darauf in der Presse erschien, verunsicherte viele Leser allerdings wieder.

Von den 119 Patienten, die zwischen Oktober und November mit Corona im Campus unseres schönen Industriestädtchens eingeliefert wurden, seien 56 – also fast die Hälfte – vollständig geimpft gewesen, war da zu lesen. Das sind erschreckend viele, finden Sie nicht? Könnten diese Zahlen nicht der Grund für jene doofe Sprachnachricht gewesen sein?

Faktencheck: Im Landkreis sind bekanntlich gut zwei Drittel der Bevölkerung vollständig geimpft. Aus den zwei Teilen der Geimpften erkrankten also in der angeführten Referenzgruppe etwa genauso viele an Corona, wie aus dem einen Teil der Ungeimpften. Kann nicht jede Fünftklässlerin mit einfachem Dreisatz zeigen, dass sich das Hospitalisierungs-Risiko der vollständig Geimpften im vorliegenden Fall lediglich halbiert hat? Ganz klar: Auch eine Halbierung stellt einen Riesenerfolg dar. Aber die im Artikel zitierte Experten-Aussage "Ein Ungeimpfter hat eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit, wegen einer Covid-Infektion ins Krankenhaus zu müssen als ein Geimpfter", gilt bei uns offensichtlich nicht.

Wahrscheinlich liegt das daran, dass in unserer demografischen Modell-Region das Durchschnittsalter fast 50 Jahre beträgt. Uns "alte Kracher" schützt das verimpfte Zeug einfach nicht mehr so nachhaltig wie die Jungen. Ein Grund mehr, sich "boostern" zu lassen!

Umso unverständlicher, dass die Grünen im Kreistag sich einem parteiübergreifenden Impfappell verweigert haben. So richtig überzeugt hat die "Erklärung" ihres Co-Fraktionssprechers in der Heimatzeitung niemanden. Die Impfung stellt nach wie vor das einzige Mittel dar, um aus der Dauerschleife "Corona" auszubrechen. Basta. Oder wissen grüne Esoterikerinnen und Homöopathen vielleicht et-was, was der Rest nicht weiß?

Wie kann ein Appell, in dem Kontaktreduzierung und Tests ausdrücklich empfohlen werden, zu "impflastig" sein? Nein, unsere Grünen haben sich einfach wieder davor gedrückt, klar Stellung zu beziehen. Sie sollten sich ein Beispiel an Kreisrat Eberhard Räder nehmen. Er gehört zwar auch ihrer Fraktion an, beweist aber den Mut, unangenehme Wahrheiten offen auszusprechen. Auch dann, wenn er dafür in einer Ausschuss-Sitzung verbale Prügel kassiert.

Denn er hat natürlich völlig Recht, wenn er anprangert, dass in der Heimat viel zu wenig gegen den Klimawandel getan wird. Landet unser Landkreis in bundesweiten Rankings zu Reizthemen wie "Flächenfraß" oder "Öffentlicher Nahverkehr" etwa nicht seit Jahren auf den letzten Plätzen? Hat man bei uns etwa nicht den Bau eines Windparks zehn Jahre lang (!) erfolgreich verschleppt?

"How dare you", würde Greta Thunberg keifen. Und dass ein "Biodiversitätszentrum" nur ein Trostpflaster für die vertane Jahrhundert-Chance "Nationalpark" darstellt, ist zwar traurig – aber wahr. Da helfen auch ein paar "Blühstreifen" nichts. Jeder weiß das. Man muss sich das vorstellen.