Bad Neustadt

Luftnummer

Nichts fürchten die Granden unserer Heimat mehr als das Gewöhnliche. Ganz klar: Bei uns lässt sich's gut leben. Und erst die Landschaft! Aber ist das nicht in tausend anderen Provinzregionen genauso? Im Steigerwald zum Beispiel. Deshalb sind den Granden "Alleinstellungsmerkmale" so wichtig. Man will sich vom Durchschnitt abheben. Zur Not mit Gewalt.

Jüngstes Beispiel: das umstrittene Seilbahnprojekt, das den Campus mit der Neuschter Innenstadt verbinden soll. Die brillante Idee soll übrigens nicht aus dem Rathaus, sondern aus der Chefetage der Rhön-Klinikum AG stammen. Allein diese Tatsache genügt einigen Kleingeistern schon, um das luftige Projekt zu kritisieren. Wenn der profitorientierter Aktienkonzern unbedingt seine Seilbahn haben will – bitteschön. Aber dann soll er sie auch bezahlen - so denken viele Bürger. Es ist eine Schande! Was soll denn das Unternehmen noch alles leisten? Auch hinter Großaktionären stehen schließlich Familien. Nur weil man keinen Cent Gewerbesteuer abführt, heißt das noch lange nicht, dass man sein Geld zum Fenster hinauswirft.

Und was bedeutet schon Geld! Die Stadt hat oft genug bewiesen, dass es ihr bei der Umsetzung kühner Visionen nicht ums Geld geht. Denken Sie nur an die teure Ladestation für Pedelecs am ZOB. Kein Mensch braucht sie. Oder nehmen Sie die legendäre Herschfelder Zentraltoilette (HZT). Sie hat 360 000 Euro gekostet und sich eben nicht zum „lebendigen Mittelpunkt“ des geprüften Stadtteils entwickelt, wie es das Rathaus hinausposaunt hat. Warum also nicht auch einmal eine Seilbahn bauen? Wenn es sich ein Oberchef im Campus doch so wünscht!

Sicher: Der Rhöner gilt als knickrig. Mehr als für ein NESSI-Ticket (1,80 Euro) würde er nie für die Berg- und Talfahrt hinlegen. Niemals! Schließlich wird ihm am ZOB ja auch noch eine Parkgebühr "abgepresst". Aber wenn sich im Durchschnitt jeden Tag meinetwegen nur 300 "Dumme" finden, die Seilbahn fahren, kommen im Jahr fast 200 000 Euro zusammen. Die reichen natürlich hinten und vorne nicht. Wartung, TÜV, Strom – da geht es um andere Beträge. Na und? Dann läuft das Ganze eben im Zuschussbetrieb.

Auch das Triamare kostet jährlich Unsummen. Und das geplante "Kulturzentrum" im alten Gefängnis wird erst recht kein finanzieller "Bringer". Es steht ja noch nicht einmal fest, was man dort eigentlich unterbringen will. Unter anderem vielleicht ein Museum.Aber alles auf einmal geht nicht. Man muss sich entscheiden. Mal Klartext: Ein Hallenbad finden Sie in jeder Kleinstadt. Und so interessant ein paar Werke der lokalen Kunstszene auch sein mögen: Gegen eine Seilbahn können sie nicht anstinken. Durch sie stünde unser schönes Industriestädtchen urplötzlich auf Augenhöhe mit Metropolen wie La Paz oder Barcelona! Auch dort schweben Gondeln durch die Luft. Das hat nichts mit Größenwahn zu tun! Es geht um Alleinstellungsmerkmale.

Und wer weiß, vielleicht belebt das Prestigeprojekt ja wider Erwarten doch unsere zunehmend komatöse Innenstadt; vielleicht reduziert das wacklige Verkehrsmittel ja tatsächlich jene stinkende Blechlawine, die täglich durch Herschfeld donnert. Wenigstens ein ganz kleines bisschen! Genau wie die NES 20. Auch die hat Millionen gekostet. Und mal ehrlich: Würden wir alle unserem scheidenden Bürgermeister nicht schon aus reiner Dankbarkeit von Herzen gönnen, dass sein städtebauliches Wirken auf diese großartige Weise gekrönt wird? Denn eines ist klar: Sein/e Nachfolger/in wird sich vor dem Hintergrund maroder Abwasserkanäle und Straßen künftig wohl mehr im unspektakulären Tiefbau engagieren. Man muss sich das vorstellen.