Brendlorenzen

Sündenböcke (3)

"Die Heimat lebt vom Auto", erklärte unser Landrat kürzlich. Noch! Und deshalb muss die Zahl der Pkw ewig weiter wachsen. Ewig! Mit Maß und Ziel. Über 70 000 gibt es im Landkreis schon. Sicher, das neue "BusTaxi Rhön-Grabfeld" soll die Blechlawine eindämmen. Seine Nutzung verlangt allerdings ein gewisses Maß an Organisationstalent. Wie war das gleich? Man muss also die Hinfahrt drei Stunden vor Abfahrt des Zuges anmelden. Welchen Zuges? Die Rückfahrt hat dagegen – aufgepasst! – genau zwei Stunden vor Ankunft des Zuges in Bad Neustadt, bzw. in Mellrichstadt zu erfolgen. Nicht verwechseln: drei Stunden - zwei Stunden! Oder umgekehrt. Aber alles im "Zweistundentakt"!

Die aktuellen DB-Fahrpläne kann jeder problemlos unter www.bahn.de einsehen. Natürlich kommt es gelegentlich zu Unregelmäßigkeiten. Wer aber beispielsweise - warum auch immer - bereits um 6 Uhr früh nach Irmelshausen reisen will, muss sich schon am Vortag anmelden. Logisch! Bis 18 Uhr. Generell gilt: "BusTaxis" fahren nur bis 23 Uhr. Und das auch nur, wenn der Linienbus, bzw. der "reguläre Rufbus" nicht verkehrt. Denn der hat in den "Wabenzonen" 1, 2, 3 und 4 Vorrang. Alles klar?

Unser ÖPNV kann sich jetzt ohne jeden Zweifel mit den U- und S-Bahn-Netzen von Ballungszentren messen. Genau wie es der Landrat versprochen hat. Ob das "BusTaxi" von älteren Menschen gut angenommen wird? Markus Söder brachte es beim CSU-Parteitag auf den Punkt: „Bayern war, ist und bleibt ein Autoland!“ Unser Landesvater hat eben noch Benzin im Blut. Insgeheim pfeift er auf die Klimaziele. Und im Bundestag wurde kürzlich wieder einmal das Tempolimit auf Autobahnen abgelehnt. Bravo!

Wer wissen will, wie die Heimat tickt, braucht sich nur die Zahlen bei den Neuzulassungen anzuschauen. Die größten Zuwächse verzeichnen nicht etwa Elektrofahrzeuge, nein, es sind die fetten SUV! Bei VW schlagen "Hausfrauenpanzer" mittlerweile mit 50 Prozent zu Buche. Schauen Sie sich doch in unserem schönen Industriestädtchen um! Von wegen "Modellstadt für E-Mobilität".

Umso unverständlicher, dass man Besitzer von "Stadtgeländewagen" neuerdings als Sündenböcke brand-markt. Ein rüstiger Rentner, der mit seinem Mercedes-AMG G 63 (585 PS) vor dem Supermarkt zwei Parkplätze blockiert, muss sich von Grünschnäbeln mit Bart, Tattoo und Dutt "blöd" anreden lassen. Oder belächeln. Setzt die "Heli-Mutti" ihre "Schranzen" mit dem Porsche Cayenne Turbo (550 PS) am Gymnasium ab, wird beim Elternabend getuschelt. Dann diese Blicke im Bioladen, wenn die Verkäuferin bemerkt, dass das rote PS-Monstrum vor dem Schaufenster der Arztgattin gehört, die gerade "veganes Brot" verlangt! Und verbannen erste Supermärkte "Klimaschädlinge" nicht schon an die Ränder ihrer Parkplätze, wo sie hingehören? Dafür stellt man am Eingang Ladesäulen für Elektroautos auf.

Ganz klar: SUV-Fahrer werden gemobbt! Künftige Generationen wären ihnen egal, heißt es. Sie gelten als egoistisch und uncool; sie seien von vorgestern und an allem schuld. Es ist eine Schande! Dabei stützen sie durch ihr Kaufverhalten die im Trump’schen Sinn "großartige" deutsche Automobilindustrie! Ein SUV ist ein Statement. Warum denken wir beim Begriff "asozial" eigentlich immer nur an die Unterschicht? Die Gesellschaft hat auch oben Ränder!

Und gerade vor Weihnachten sollten wir damit aufhören, Randgruppen wie Jäger, Bauern oder eben auch SUV-Fahrerinnen als Sündenböcke abzustempeln. Stattdessen sollten wir ihnen wohlwollend gegenübertreten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichen. Ein gutes Wort bewirkt oft mehr als 1000 Vorwürfe. Und seien sie noch so berechtigt. Man muss sich das vorstellen!