Bad Neustadt

Glosse: Born to be wild

Man kann über unsere Heimat ja sagen was man will, aber seniorenfreundlich ist sie. Kein Wunder: Fast 50 Prozent der Bevölkerung unseres Landkreises ist heute über 50 Jahre alt. Tendenz: steigend. Auch unsere Granden spiegeln diese Entwicklung wider. So zählt beispielsweise der Landrat 61 Lenze; der Bürgermeister unseres schönen Industriestädtchens dagegen nur 31. Bildet man das arithmetische Mittel, dann kommt ziemlich genau das Durchschnittsalter von Rhön- Grabfeld heraus (46).

Aber keine Panik: Die Alten von heute haben kaum noch etwas mit den Tattergreisen der "guten alten Zeit" gemein. Schon rein optisch nicht. Eine 65 Jahre alte Oma von heute wäre 1950 glatt noch als 63-jährige durchgegangen. Hauptgrund dafür sind Fortschritte auf den Gebieten des Hair Stylings und der Zahnprothetik. Sicher, "schön geredet" wird das Alter auch. Von wegen "Lebensmitte". Beim Renteneintritt hat ein Ureinwohner statistisch noch 17 Prozent "Restlaufzeit" vor sich. Aber man ist ja auch nur so alt wie man sich fühlt. Angeblich.

Iris Berben verriet kürzlich in der Heimatzeitung, dass sie sich noch "genauso neugierig und aktiv" fühle wie mit 18. Ach du liebe Güte! Viele Ü60er empfinden das auch so. Menschen um die 30 aber interessanterweise nie. Sie erinnern sich ja womöglich wirklich noch daran, wie sie als Teenager getickt haben. So gesehen ist die ganze innere "Jungbleiberei" durchaus alterstypisch. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass uns die Pubertät nicht formt. Wir Älteren werden uns lebenslang an "Easy Rider" erinnern, jenen Kultfilm der 60er, in dem Peter Fonda und Dennis Hopper zur Musik von "Steppenwolf" auf coolen Harleys durch die Weiten des amerikanischen Westens donnerten. Das Roadmovie hat eine ganze Generation geprägt. Alle jungen Angeber wollten damals Harleys fahren. Das Geld reichte aber höchstens für ein armseliges Mofa. Schließlich waren ja auch nur die wenigsten von ihnen Drogenhändler wie die Helden aus "Easy Rider".

Fünfzig Jahre später hat sich die Situation gewandelt. Grundlegend. Die ehemaligen "Hippies" sind spießig geworden, aber eben auch solvent. Jetzt können sie sich ihre Jugendträume verwirklichen. Schauen Sie sich die heutigen Motorradfahrer doch einmal genau an: Bei den meisten kaschiert der Integralhelm eine "Platte" und die Lederjacke eine "Ranze". Aber innerlich sind sie und ihre "Bräute" auf dem Sozius natürlich alle jung geblieben. Und wie! Während sich ein paar moralinsaure "Ökos" ernsthaft darüber aufregen, dass ihnen auf dem Gipfel des Heidelsteins von der Hochrhönstraße das majestätische Gedröhn veralteter US-Motorräder entgegen schallt, zeigt sich die Mehrheit der Einwohner verständnisvoll.

Wie gesagt: Unser Landkreis vergreist. Motorlärm unter 80 Dezibel wird von den meisten doch gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Vor allem von den Fahrern nicht. Trotz Hörgerät. Biker fahren nach einer harten Arbeitswoche auch in Zeiten des Klimawandels ihre Spritschlucker "just for fun". Ein bisschen Spaß muss sein! Da müssen Naturfreunde und andere Spaßbremsen eben Opfer bringen. Bei den Biker-Demos zeigte man sich im Landkreis durchweg solidarisch.

Dabei ist die Angst vor einem Fahrverbot völlig unbegründet. Was der "Scheuer Andi" (CSU) als Verkehrsminister auch anpackt: Es klappt nie. Ob Ausländer-Maut, StVO-Reform oder Oldtimer-Kaufprämie: alles nur "Sprüch". Bei vielen der angegrauten "Steppenwölfe" machten sich allerdings nach den anstrengenden Protestfahrten die "Zipperlein" bemerkbar. Am darauffolgenden Montag parkten vor den Praxen von Urologen und Orthopäden auffallend viele Motorräder amerikanischer Bauart. "Born to be wild." Man muss sich das vorstellen.