Bad Neustadt

Glosse: Die Azubi-Shuttle-Affäre

Auch für die Heimat gilt: Früher war alles besser. Eine mögliche Ursache: Unser Landesvater Markus Söder hat die CSU einer erfolgreichen Transformation unterzogen und sie unter seiner Führung von einer "50 plus x-" in eine "30 minus x-Partei" umgewandelt. Die Folgen machen sich bis in die Niederungen der Provinz bemerkbar. Jüngstes Beispiel: Die "Azubi-Shuttle-Affäre".

Was war da los? Wie vor jeder Bundestagswahl ließ sich auch diesmal mehr oder weniger hochkarätige Politprominenz im Landkreis blicken, um für ihre Sache, bzw. ihre Partei zu werben. Im konkreten Fall handelte es sich um Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Dorothea Bär (CSU), die "Königin der Herzen", ohne die unser Land im Bereich der Digitalisierung bekanntlich nicht dort stünde, wo es heute steht. "Digi Doro" erfreut sich weit über ihren Heimatort Ebelsbach hinaus größter Popularität. Und so war es natürlich eine Selbstverständlichkeit, dass unser Landrat (CSU) die beiden angereisten Damen als seine Ehrengäste betrachtete. Logisch!

Er lud sie unter anderem zu einer romantischen Kutschfahrt ein, in deren Verlauf man herrliche Fotos auf Facebook postete. Landrat, Kreisbäuerin und Promis sitzen einträchtig in einer Kutsche. Alle lachen. So lieben wir die CSU: Im Kopf das Flugtaxi und unter dem Hintern die "Gäulskutsche". Laptop und Lederhose! Der Austausch zwischen "großer" und "kleiner" Politik hätte – wenn auch inhaltlich knapp – durchaus ein Erfolg werden können, gäbe es da nicht den politischen Feind in Gestalt der SPD-Kreistagsfraktion. Die warf dem Landrat nämlich allen Ernstes vor, dass er zum Herumkutschieren der Berliner Promis das kreiseigene "Azubi-Shuttle" missbraucht hätte. Aber damit nicht genug: Am Steuer wäre auch noch ein bezahlter Fahrer gesessen. Eine Wahlkampftour werde üblicherweise nicht aus öffentlichen Mitteln finanziert, lamentierten die "Genossen". Kleinlicher geht es nicht!

Früher, als die CSU noch eine "50 plus x-Partei" war, hätte keiner gewagt, eine derartig respektlose Kritik zu äußern. Die CSU und Bayern bildeten gewissermaßen zwei Seiten einer Medaille. Jeder schwarze Landrat konnte ganz selbstverständlich nach Gutsherrenart auf Kosten seines Landkreises Wahlkampf betreiben. Er handelte ja schließlich zum Wohl der Allgemeinheit. Und heute? Es ist eine Schande!

Aber unser Landrat ist nicht der Mann, der sich durch ein paar umfrageberauschte "Genossen" ins Bocks-horn jagen lässt! Zunächst einmal klärte er die Unruhestifter sachlich darüber auf, dass das "Haus von Bundesministerin Julia Klöckner" das Azubi-Shuttle mit 170 000 Euro finanziert habe. Aus eigener Tasche gewissermaßen. Sicher: Es handelte sich dabei letztlich um unsere Steuergelder. Aber kann man die Ministerin dafür nicht ein wenig durch die Gegend karren? Für die CSU besteht Politik aus Geben und Nehmen. Dankbarkeit bleibt für sie nicht nur ein abstrakter Begriff. Das Prinzip "eine Hand wäscht die andere" stellt seit Jahrzehnten ein bewährtes Erfolgsrezept der Partei dar.

Aber der Landrat hatte noch ein zweites Ass im Ärmel. Er konnte nämlich belegen, dass auch die Kosten, die im letzten Juli beim Besuch des Staatssekretärs Florian Pronold (SPD) anfielen, vom Landkreis bezahlt wurden. Das Argument "die anderen haben ja auch" gilt bekanntlich schon im Kindergarten als unschlagbar. Der abschließende Kommentar zu dem vermeintlichen "Skandal" aus dem Landratsamt unseres schönen Industriestädtchens: Man nutze stets "parteiübergreifend" die Möglichkeit, in den Dialog zu treten. Mit anderen Worten: Das Azubi-Shuttle samt Fahrer steht im Wahlkampf allen Parteien kostenlos zur Verfügung. Also auch der AfD und den LINKEN. Man muss sich das vorstellen.