Bad Neustadt

Glosse: Jahresrückblick

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Diverse

die Zeiten ändern sich. Auch wenn das zurückliegende Jahr schon wieder ganz im Zeichen von Corona stand: Es geht voran! Irgendwie hatten wir im Juni ja noch geglaubt, dass der ganze Spuk bald vorbei sein wird. Der Grund für diese Fehleinschätzung: das "Erwartungsmanagement" unserer Granden. Schon im Februar rechneten uns irgendwelche "Wirtschaftsweisen" vor, wie lange es noch dauert, bis alles wieder so wie "vorher" ist.

Als ob das erstrebenswert wäre! Schließlich hat uns das „Vorher“ ja genau in die Lage gebracht, in der wir uns heute befinden. Auch einige Kreisräte brabbelten ständig vom "Licht am Ende des Tunnels". Alles Quatsch! Corona wird uns bleiben, gibt sich Gesundheitsminister Professor Dr. Dr. Karl Lauterbach (SPD) überzeugt, der die Privatisierung des Gesundheitswesens übrigens im Gegensatz zu unserem Landrat (CSU) für einen schweren Fehler hält.

Die meisten Ureinwohner haben sich längst mit der Pandemie arrangiert. Viele können sich ein Leben ohne Maske gar nicht mehr vorstellen. Bei der Jahresschlusssitzung des Kreistags in Heustreu klopften sich unsere Granden deshalb völlig zu Recht auf die Schultern und lobten sich gegenseitig für ihr großartiges Krisenmanagement. Natürlich haben neben den Helden vom Landratsamt auch noch ein paar andere Personengruppen zu diesem Erfolg beigetragen. Ärzte und Pflegekräfte zum Beispiel. Trotz teilweise sprachlich bedingter Verständigungsprobleme im "Campus Babylon" leisteten sie hervorragende Arbeit.

Nein, unser Landkreis war 2021 gut aufgestellt. Behaupten die Granden. Anfang Dezember belegten wir mit einer 7-Tage-Inzidenz von 769 den Spitzenplatz in der pandemischen Bezirksliga. Wissenschaftler des Helmholtz-Instituts hatten bereits im Oktober herausgefunden, dass die regionale Inzidenz mit der politischen Einstellung korreliert. Bei uns gilt: Konservative konservieren gerne. Veränderungen stoßen dagegen auf Ablehnung. Diese Tatsache zieht sich wie ein roter Faden durch den Jahreslauf.

Nehmen Sie die Energiewende. Im Mai erlangte Rhön-Grabfeld traurige Berühmtheit, als das ZDF-Politmagazin "Frontal 21" einen Bericht mit dem bezeichnenden Titel "Bayerische Windrad-Posse" sendete. Es ging wieder um den Windpark bei Wülfershausen. In dem tendenziösen Beitrag wurde die Tatsache, dass man bei uns halbfertige, moderne Windräder abreißt, um sie durch ineffiziente Oldtimer zu ersetzen, als monströser Schildbürgerstreich verkauft.

Warum stellen die Medien uns immer nur als Provinzdeppen hin? Warum berichten Sie nicht über die erfolgreiche Symbolpolitik in unserem Landkreis? Über die erste Kreisklimakonferenz zum Beispiel, bei der eine Abschaffungsprämie für Autos gefordert wurde? Oder über den "Klimawald", den unsere Kreisräte eigenhändig gepflanzt haben? Immerhin ersetzt er einen Bruchteil jener Waldfläche, die bei uns alljährlich durch Dürre, Wildverbiss und Borkenkäfer zerstört wird. Und ist der Windpark bei Wülfershausen nicht auch ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man auf dem Land noch zusammenhält? Zeigt er nicht, was erreicht werden kann, wenn Landrat, Bürgerinitiative und CSU an einem Strang ziehen?

Unsere Windkraftgegner haben übrigens mehr mit den Impfgegnern gemein, als sie denken. Unter dem Deckmäntelchen des Vogelschutzes stellen auch sie persönliche Aversionen über Gemeinwohl. Beim letzten "Hygienespaziergang" (lustig!) marschierten laut Heimatzeitung etwa 500 "Quer-, beziehungsweise Nichtdenker" durch unser schönes Industriestädtchen. Von solchen Zahlen kann man bei „Fridays for Future“ nur träumen.

Natürlich waren nicht alle Mitläufer rechte Verschwörungstheoretiker. Die Polizei verhinderte durch ihr mutiges "Nichteinschreiten", dass die Lage eskalierte. Immerhin stellen ungenehmigte Demonstrationen Ordnungswidrigkeiten dar. Bei gewöhnlichen Falschparkern reagieren unsere Ordnungshüter weniger Laissez-faire. Sicher, die Demonstrationsfreiheit stellt ein Grundrecht dar. Aber es gibt auch Pflichten. Die Impfpflicht zum Beispiel, die das Parlament demnächst beschließen dürfte.

Impfgegner sind dafür, dass sämtliche Corona-Maßnahmen sofort abgeschafft werden. Sie glauben nicht an die Wissenschaft und wollen der Natur freien Lauf lassen. Sie glauben ernsthaft, dass sie in einer Diktatur leben und ein außergewöhnlich starkes Immunsystem besitzen. Aber nur so lange, bis sie selber auf der Nase liegen. Dann landen sie auf der Corona-Station am Campus, wo sie überproportional vertreten sind. Dort lassen sie sich auf Kosten des Gesundheitssystems wieder aufpäppeln und gehen dabei dem überlasteten Pflegepersonal auf die Nerven. Zuvor haben sie fünf andere angesteckt.

Es gab in diesem Jahr aber auch Erfreulicheres zu berichten. Zum Beispiel über die Agrarwende. In Willmars sorgte ein Start-up-Unternehmen für Schlagzeilen. Bei der Legalisierung von Cannabis setzten sich bekanntlich die Grünen durch, die dafür auf das Tempolimit verzichteten. Der legale Anbau von Hanf wird demnächst gesetzlich geregelt. In Willmars war man seiner Zeit aber offensichtlich voraus. Das dort im Rahmen einer Großrazzia beschlagnahmte "Gras" sei nach Angaben von versierten Kiffern von allerbester Qualität gewesen.

Die als robust geltende Hanfstaude könnte sich in Zeiten des Klimawandels im trockenheißen Unterfranken als Riesenchance für die Landwirte erweisen. Hat Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Die Grünen) auf seinem Balkon nicht bereits selber Erfahrungen mit dieser uralten Kulturpflanze gesammelt? Ein Praktiker! Und war seine Vorgängerin Julia Klöckner (CDU) nicht sogar Deutsche Weinkönigin? Das Amt verlangt offensichtlich Schlüsselqualifikationen.

"Wir sind Rhöner Bier" kennt mittlerweile jedes Kind. Möglicherweise kommt unter der Dachmarke "Rhön-Rausch" demnächst noch ein zweiter Slogan dazu: "Wir sind Rhöner Dope". Vielleicht werden unsere geprüften Bauern durch diesen "Green Deal" tatsächlich zu "grünen Dealern", kommen wieder zu Reichtum und sind am Ende nicht mehr von erniedrigenden EU-Subventionen abhängig. Und an der Frage, ob man sich nun schneller "tot säuft" oder "blöd kifft", scheiden sich wohl auch künftig die Geister. Eines ist klar: Die Dosis macht das Gift.

Was unser Landrat wohl davon hält? Und erst sein alter Parteifreund, der "Schoppen-Edi". Aber der hat infolge der unseligen Aserbaidschan-Affäre zurzeit wohl andere Sorgen. Bleibt zu hoffen, dass jener innovative Jungunternehmer nach Verbüßung seiner gerechten Strafe die Drogen-Finca in Willmars legal weiterbetreiben darf.

Auch am Thema "Dorferneuerung" lässt sich ablesen, wie schwer man sich bei uns mit Veränderungen tut. Jüngstes Beispiel: In Nordheim hat es ein progressiver Hausbesitzer gewagt, die Balken seines Fachwerkhauses blau zu streichen, was dem Ortskern ein verblüffend frisches Aussehen verleiht. Jetzt rückt ihm der Denkmalschutz auf die Pelle, der unter Androhung von Rechtsmitteln verlangt, die Balken wieder "fränkisch braun" zu überpinseln. Wer sich die Zentren unserer Dörfer betrachtet, erkennt sofort die Folgen einer jahrzehntelang verfehlten Strukturpolitik: Leerstand wohin man schaut. Ruinen mit niedrigen Decken und kleinen Fenstern, die eingezwängt zwischen feuchten Nachbarhäusern vor sich hin rotten. Dazu massenhaft ungenutzte "Säuställ" und verfallende "Scheuern". Und auf der "Lebensader" vor der morschen Haustüre tobt Durchgangsverkehr. Fehlt bloß noch der zentrale Misthaufen.

Konservative konservieren gerne. Sie möchten die "gute alte Zeit" zumindest als Kulisse erhalten. Und zum Schluss kommt der Denkmalschutz mit seinem "fränkischen Braun" daher. Er winkt mit Zuschüssen. Die können übrigens völlig unbürokratisch beantragt werden. Der Bauherr muss nur ein 200-seitiges Formular ausfüllen. Online.

Mal Tacheles: Ortskerne ehemaliger Bauerndörfer wer-den den Ansprüchen des modernen Lebens nicht mehr gerecht. Nie mehr! Die Welt der fränkischen Bauerndörfer ist untergegangen. Nur die Gebäude stehen noch. Auch Dörfler und Dörflerinnen pendeln heute zum Arbeiten in die Stadt. Die paar Landwirte, die es noch gibt, haben ihre Mega-Ställe, Silos und Maschinenhallen längst außerhalb des Dorfs aufgestellt. Wer wirft sein Geld für die Renovierung einer niedrigen, dunklen Bruchbude zum Fenster hinaus?

Zu einer echten Wiederbelebung der Ortskerne bedarf es radikaler Maßnahmen. Auf die "Flurbereinigung" muss eine "Dorfbereinigung" folgen. Weg mit dem alten "Gerütsch". Wer auf "Retro" steht, soll das Fladunger Freilandmuseum besuchen. Dabei muss die Kirche natürlich im Dorf bleiben, auch wenn 2021 – nicht nur aus Steuergründen – wieder viele "Schäfchen" ausgetreten sind. Man braucht schließlich eine Kulisse für Traumhochzeits-Videos.

Nein, auch ländliche Idylle ist nicht mehr das, was sie einmal war. Ende November geschah im beschaulichen Bad Neustadt ein Mord. Ein junger Mann wurde erstochen. Stunden später kursierten in den sozialen Medien schon die Namen und Fotos mutmaßlicher "Täter". Sogar ein Video über die Festnahme eines Verdächtigen wurde gepostet. Und kommentiert.

Aber viele Probleme blieben auch 2021 ungelöst. Genaugenommen fast alle: das Grundwasser-, das ÖPNV- oder das Fachkräfteproblem zum Beispiel. Letzteres hat bereits dazu geführt, dass wir als Wirtschaftsstandort an Strahlkraft verlieren. Trotz alledem: Keine Panik! Auch im neuen Jahr werden wir uns mit unseren großartigen Granden an der Spitze schon wieder irgendwie durchwursteln. Das wäre ja gelacht! Und unsere neue Bundesregierung sorgt dabei für frischen Wind.

Erich Kästner bringt den Jahreswechsel genial auf den Punkt: "Wird's besser? Wird's schlimmer?" fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.

In diesem Sinn: Ein frohes Neues Jahr für Sie und Ihre Familie!