Bad Neustadt

Glosse: Landleben

Wie schön, dass wir in der Heimat leben dürfen! Während man in der Anonymität der Großstädte ein distanziertes Verhältnis zu seinen Mitmenschen pflegt, geht man bei uns noch aufeinander zu. Trotz Corona. Die Inzidenzzahlen beweisen es. Längst hat unser schöner Landkreis Würzburg überholt. Auf dem Land zählt die Gemeinschaft eben noch.

Sicher, ab und zu kommt es auch bei uns zu kleinen Diskrepanzen. Zum Beispiel in Rödelmaier. Dort hatten sich ein paar namentlich bekannte Gemeinderäte mit einem Brief an die Presse gewandt, weil ihr Bürgermeister angeblich zu viel Kohle scheffelt. Natürlich handelten sie nicht aus Sozialneid. Ach wo! Einzig und allein ihr Verantwortungsbewusstsein trieb sie zu dieser vertrauensbildenden Maßnahme. Denn schließlich wird "ehrenamtliche Aufwandsentschädigung" ja aus Steuern finanziert. Aber Hallo!

Sicher, das Bürgermeisteramt ist ein Höllenjob. Ständig irgendwelche Jubilare gratulieren, auf den immer gleichen Dorffesten originelle Reden schwingen – jedermanns Sache ist das nicht. Dann der digitale Bürokratismus, die Bürgersprechstunden, die unverschämten Kolumnen! Ständig wird genörgelt, kritisiert und herumgemault. Vor allem "hinten rum". Von wegen "Zukunft gestalten". Im Grunde muss man froh sein, wenn sich überhaupt noch ein "Blöder" findet.

Besagte Gemeinderäte sehen das anders. Ganz anders. Sie halten die lumpigen 3000 Euro, die dem "Rödelmer" Rathauschef von der Rechtsaufsicht des Landratsamts letztlich zuerkannt worden sind, für überzogen. Sie würden es wahrscheinlich für die Hälfte machen. Und sie haben sich gerächt! Aus reinem Verantwortungsgefühl heraus, versteht sich. Als nämlich bei der Gemeinderatssitzung darüber abgestimmt wurde, ob und wie es mit dem Baugebiet "Klostergarten" weitergehen soll, verweigerten vier Gemeinderäte ihre Zustimmung. Einfach so.

Natürlich wussten sie, dass dieses ehrgeizige Projekt ihrem Rathauschef besonders am Herzen lag. Ein Planungsbüro hatte - gegen sattes Honorar - bereits drei mögliche Varianten ausgearbeitet. Sogar die Bedürfnisse eines Anglervereins wurden berücksichtigt. Die neue Bebauung sollte dem "dörflichen Charakter" von Rödelmaier gerecht werden. Und genau das war der Grund für die Blockadehaltung der Gemeinderäte. Jawohl! Denn einen "dörflichen Charakter" versuchte man bislang ja gerade zu vermeiden. Stattdessen: Allerweltsarchitektur à la "Global Village".

Schauen Sie sich doch einmal das Baugebiet "Langer Zug" an! Ein Ort voller Anmut und Lebensfreude. Hier haben fähige Architekten ihre Träume vom "Bauen auf dem Lande" verwirklicht. In dem kunterbunten Ensemble sind tatsächlich sämtliche bekannten Dachformen vertreten: Pultdächer, Satteldächer, Flachdächer, Walmdächer. Sie sind in alle Himmelsrichtungen orientiert und mit den unterschiedlichsten Produkten des Baustoffhandels gedeckt. Die örtliche Zimmer-Innung könnte hier glatt einen "Dach-Lehrpfad" ausweisen. Lediglich ein "Krüppelwalmdach" fehlt noch. Aber wahrscheinlich auch nur, weil sich diese Bezeichnung irgendwie nicht so ganz "politically correct" anhört. Und das geht gar nicht. Gott sei Dank

Sogar altes Brauchtum muss heute "gendergerecht" daherkommen. Zum Beispiel die Sternsinger. Von wegen "Heilige drei Könige". Schluss mit der bewussten Ausgrenzung von Frauen! Ohne Gendersternchen geht gar nichts. Und erinnert ein schwarz geschminkter Balthasar nicht irgendwie an den mittlerweile verpönten Sarotti-Mohr? Ganz klar: Im Januar werden ungeschminkte "Heilige drei Könige*rinnen" mit biologisch abbaubarer Naturkreide *m*w*d* an unsere Haustüren schmieren. Aber nur nach Reservierung per App. Man muss sich das vor(be)stellen!