Bad Neustadt

Glosse: Nostalgie

Das Lebensgefühl der Heimat lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Nostalgie. In einem Ü50-Landkreis ist das völlig normal. Ganz klar: Der typische Ureinwohner steht auf Retro. Und wie! Es gibt zahlreiche Oldtimer-Treffen, ein Heimatmuseum und die Heustreu-Revival-Disco. Es gibt das dampfbetriebene "Rhön-Zügle" und den Rhöner Weideabtrieb. Und den Landrat. Obwohl nach der letzten Bundestagswahl die Schwarzen jetzt wohl aus der Regierung fliegen, haben in Sandberg sage und schreibe 51 Prozent für die CSU gestimmt. Lebendiges Brauchtum! Genau wie in den guten, alten Zeiten: "50 plus x".

Oder nehmen Sie unsere Retro-Mobilität. Obwohl längst klar ist, dass ohne ein vernünftiges Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln der ländliche Raum demnächst vollends abgehängt wird, setzen unsere Granden unverdrossen auf den Individualverkehr, das Verkehrskonzept von Oma und Opa. Vielen Bürgern gefällt das. Die Folge: Im Landkreis gibt es immer weniger Menschen und immer mehr Autos.

Die meiste Zeit stehen die aufgedunsenen Kisten ungenutzt herum und verstopfen Straßen und Plätze. Eigentlich sind es gar keine "Fahrzeuge", sondern "Stehzeuge". In Leutershausen fordern Helikopter-Eltern allen Ernstes, dass am Spielplatz neue Parkplätze geschaffen werden, damit sie ihre verwöhnten "Schranzen" zum Spielen karren können. Mit dem SUV. Der wird natürlich noch von einem Verbrennungsmotor angetrieben.

Retro pur! Und das, obwohl nicht etwa die Grünen, sondern die Groko-Parteien (CSU, CDU, SPD) den Durchbruch in Sachen Klimaschutz geschafft haben: die CO2-Bepreisung. Diese Erziehungsmaßnahme schafft Anreize. Und wie! Sie bewirkt, dass die Preise für Sprit, Gas und Heizöl langsam aber unerbittlich ins Astronomische steigen. Und das wird auch so bleiben. Trotzdem werden in Rhön-Grabfeld immer noch massenhaft Öl- und Gasheizungen eingebaut.

Wer macht so etwas heute noch? Und warum? Warum stören uns Windkrafträder oder Solarparks mehr als die Brutalität der Klimakatastrophe, vor der uns der frisch gebackene Physiknobelpreisträger Klaus Hasselmann so eindringlich warnt? Weil wir Nostalgiker sind.

Wir stehen auf romantische Landschaften. Alles soll so aussehen wie früher. Im benachbarten Thüringen scheint der Hang zur Nostalgie, bzw. "Ostalgie" noch ausgeprägter. Genau wie alle anderen neuen Bundesländer hat sich Thüringen trotz, oder gerade wegen der Wiedervereinigung, seine Identität bewahrt. Vor allem in politischer Hinsicht. Stellt man die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl auf einer Deutschlandkarte grafisch dar, zeichnen sich die Umrisse der ehemaligen DDR blau ab. AfD-blau! Hier wächst zusammen, was zusammen gehört.

Die allgemeine Freude darüber macht sich vor allem am "Tag der Deutschen Einheit" bemerkbar. Es gibt wohl kein anderes Land, das seinen Nationalfeiertag mit einer derartigen Begeisterung begeht. Die große Sehnsucht: die Welt von gestern. Vielen "Wessis" geht die "Ostalgie" in einigen Bereichen allerdings auch schon zu weit. Beim erbärmlichen Zustand unserer Straßen zum Beispiel.

Schauen Sie sich doch einmal die "BayWa-Kreuzung" in unserem schönen Industriestädtchen an. Genau wie in der DDR. Und finden Sie es nicht auch irgendwie komisch, dass man beim SUV-Kauf jetzt mit jahrelangen Lieferzeiten rechnen muss? Mussten nicht auch die armen "Ossis" ewig auf ihre stinkenden Trabbis warten? Und in Baumärkten sind manche Artikel einfach nicht mehr zu kriegen. Nein, so haben wir uns die "Angleichung der Lebensverhältnisse" nicht vorgestellt. Auch Warteschlangen vor Metzgereien gehören mittlerweile zum Alltag. Angeblich wegen Corona. Man muss sich das vorstellen.