Bad Neustadt

Glosse: Unsre Stadt soll hässlich werden!

Die meisten Menschen leben gerne in der Heimat. Ein paar Unzufriedene gibt es überall. Nehmen Sie nur die Herschfelder. Was für ein Aufstand wegen sieben Ginkgos! "Das werden wir uns merken", grollen viele. Bekanntlich hatte der Stadtrat kürzlich mit knapper Mehrheit beschlossen, die dreißig Jahre alten Bäume zu fällen, um ein paar Parkplätze zu schaffen.

Bei einem Informationsabend zum Thema Falltorstraße war vor drei Jahren der Erhalt der Bäume in den Raum gestellt worden. Aber offensichtlich nur aufgrund einer schlampigen Bestandsaufnahme. Denn jedes Kind weiß, dass Ginkgos Flachwurzler sind. Trotz zahlreicher Proteste setzte der Bürgermeister den demokratischen Beschluss um. Eine bürgernahe Entscheidung! Tabula rasa. Für viele aber ein Schildbürgerstreich. Die Bagger waren gerade erst abgerückt. Natürlich werden jetzt eilig Bäumchen nachgepflanzt. Und schon in dreißig Jahren dürfte sich das Ortsbild vom Kahlschlag erholt haben.

Herschfeld gilt ja ohnehin nicht als schön. Es hat kein Zentrum. Ein kahles Konglomerat, durch das sich tagtäglich der Klinik-Verkehr wälzt. Der Versuch, ausgerechnet mit einer Toilettenanlage einen Ortskern zu schaffen, wirkt fast wie Realsatire. Immerhin: Die sanierte Falltorstraße mit ihren Ginkgos gab Anlass zu "grüner" Hoffnung. Bis letzte Woche.

Sicher, moderne Kommunen räumen Bäumen in Zeiten des Klimawandels einen hohen Stellenwert ein. Alte Bäume für Parkplätze zu fällen, gilt längst als provinziell und rückständig. Aber bei uns denkt man eben "konservativ". Und Konservative konservieren nun Mal gerne. Am liebsten ihre "abendländischen Grundwerte": ewiges Wachstum und freie Fahrt für freie Bürger. Die Zunahme von Nutzfahrzeugen wird bei uns als Fortschritt gewertet.

Mal Klartext: Unser Landrat ist nicht nur bekennender SUV-Fahrer, sondern auch Jurist. Als vor Jahren die Zuschüsse für die NES 20 beantragt wurden, war ihm klar, dass man eine Kreisstraße nicht so einfach "verkehrsberuhigen" kann, wie viele Herschfelder sich das einbildeten. Ein Jurist weiß natürlich auch, dass bis zur Rückstufung einer Kreisstraße viele, viele Jahre vergehen. Aber sollte man auf Subventionen in Millionenhöhe verzichten, nur um die Lebensqualität von ein paar Anwohnern zu verbessern?

Hier galt es, Prioritäten zu setzen. Der Mensch steht im Mittelpunkt! Hätte die Stadt diesen Teil der Kosten übernommen, dann könnte sich unser schönes Industriestädtchen womöglich nicht das dringend benötigte dritte Kulturzentrum "Alte Amtskellerei" leisten.

Während der Bauarbeiten in der Falltorstraße hatten Campus-Pendler die Umgehung von Herschfeld über die neue NES 20 schon gut angenommen, auch wenn die Fahrt zwei Minuten länger dauerte. Autofahrer lassen sich erziehen! Jetzt rauscht der Verkehr wieder wie zuvor. Altbürgermeister Altrichter prophezeite schon vor Jahren, dass Herschfeld "der natürliche Zugang zum Campus" bleiben werde. Der Brender hatte Recht!

Aber den Herschfeldern kann man so oder so nichts recht machen. Jetzt regen sie sich darüber auf, dass man ihren alten Trinkwasserbrunnen reaktiviert hat. Er war aufgrund von Gülleverseuchung jahrelang vom Netz genommen worden. Wasserkocher verkalken wieder, Tee schmeckt wieder "grad naus" und für Kleinkinder ist die kalkige Brühe auch wieder ungeeignet.

Einige Herschfelder*innen fordern jetzt allen Ernstes, dass "minderwertigeres" Wasser auch billiger werden müsse. Dass das hochwertige Brender Wasser, mit dem man sie übergangsweise verwöhnt hat, keinen Cent teurer war, nehmen sie dagegen als selbstverständlich hin. Man muss sich das vorstellen.