Mellrichstadt

Wie kann autonomes Fahren die Mobilität in Mellrichstadt verändern?

Autonomes Fahren als Mobilitätsinnovation für den ländlichen Raum: Lukas Pflugfelder,  Masterand der Hochschule ...

Mobilität hat viele Gesichter und Formen. Wie sie sich gestaltet, hängt weitgehend davon ab, wie sie genutzt wird. Oder genutzt werden kann. Denn manche technischen Entwicklungen stecken noch in den Kinderschuhen oder werden von den Bürgern mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Lukas Pflugfelder, Masterand an der Hochschule für Technik Stuttgart, hat in seiner Abschlussarbeit den Fokus auf "Intelligente Datennutzung für Mobilitätsinnovationen im ländlichen Raum" gelegt und Entwicklungschancen für Mellrichstadt in Bezug auf autonome Mobilität entwickelt. Seine Erkenntnisse und Prognosen stellte er bei einem Vortrag in der Oskar-Herbig-Halle einem ausgewählten Publikum vor.

Wie kommt ein Student aus Stuttgart ausgerechnet auf Mellrichstadt, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht?  Die Diskussion um die Ausarbeitung eines Konzepts hatten die Freien Wähler Mellrichstadt angestoßen.  Sie wollten die Weichen stellen, um dem Anspruch „Dem autonomen Fahren gehört die Zukunft“ gerecht zu werden. Mit Professor Lutz Gaspers, der sich an der Hochschule für Technik Stuttgart intensiv den Themen Mobilität und Verkehr widmet, haben sie einen Experten gefunden, der an Lösungen mitarbeiten will.  Für das Konzept „Mobilität von morgen“ analysierten Studenten im vergangenen Frühjahr die Situation in Mellrichstadt, damit aus Visionen konkrete Projekte für die Zukunft werden können.  Schnell wurde deutlich: Das Thema interessiert die Mellrichstädter.  Bei einer Präsentation in der Markthalle stellten die jungen Leute ihre Ergebnisse im Juli 2019 vor und kamen dabei mit den Bürgern ins Gespräch.  

Mellrichstädter Projekt interessiert Staatsministerin Dorothee Bär

Von Anfang an stand in Mellrichstadt das autonome Fahren im Blickpunkt der Untersuchungen. Lukas Pflugfelder hat darauf aufbauend in seiner Abschlussarbeit einen Ansatz entwickelt, wie die Mobilität in und um Mellrichstadt von dieser Technologie beeinflusst werden kann. Die Stadt ist als Partner in das Projekt eingebunden, verkündet Bürgermeister Michael Kraus stolz. Auch in der Streustadt hängen viele Arbeitsplätze von der Automobilindustrie ab, wenngleich die Branche vor großen Herausforderungen steht. Welche Chancen und Risiken sieht der Masterand also in neuen Mobilitätskonzepten für die Region? Das interessiert auch Dorothee Bär, versicherte Kraus. Die Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung hatte in einem Gespräch mit dem Stadtchef den Wunsch geäußert, detailliert über das Projekt informiert zu werden.

Auch der Landkreis ist interessiert. Die stellvertretende Landrätin Eva Böhm zeigte auf, dass der Landkreis neue Wege im öffentlichen Personennahverkehr gehen will und nannte als Vorzeigeprojekte das Azubi-Shuttle und den Grabfeldstern. Sie freute sich über weitere Anregungen für Innovationen durch Lukas Pflugfelder. "Ein autonomes Streutal-Shuttle  wäre ein infrastruktureller Zugewinn", blickte sie voraus. "Was heute noch Utopie ist, ist vielleicht bald schon möglich und bietet auch eine Chance für die heimische Industrie."

Akzeptanz für autonomes Fahren erreichen: Mobilität beginnt im Kopf

Professor Lutz Gaspers, der seinen Masteranden nach Mellrichstadt begleitet hatte, sieht die Lösung der heutigen Verkehrsprobleme nicht nur im Ausbau des Verkehrsnetzes, sondern darin, das eigene Verkehrsverhalten zu verändern. "Mobilität beginnt im Kopf", machte er deutlich. Neben der Forschung und der Entwicklung neuer Technologien gelte es auch, dafür eine Akzeptanz bei der Bevölkerung zu erreichen.    

Unter der Marke ioki testet die Deutsche Bahn den Betrieb autonomer Kleinbusse.

Wollen sich die Mellrichstädter überhaupt in ein Fahrzeug setzen, das autonom fährt? Das ist eine Frage, die der Student so nicht beantworten konnte. Zumal privater autonomer Verkehr auf deutschen Straßen noch gar nicht zulässig ist. Doch es gibt Referenzprojekte. In Bad Birnbach ist seit 2017 ein autonomer Bus unterwegs, der von der Deutschen Bahn betrieben wird und Reisende zum Bahnhof bringt. Der Bus mit sechs bis acht Plätzen fährt 15 Stundenkilometer, zudem ist noch eine Überwachungsperson an Bord. Auf Grundlage dieses Projekts hat Pflugfelder sein Konzept erstellt, wie autonomer Verkehr im Streutal umgesetzt werden kann. Dabei sollen neue Vernetzungen entstehen, was auch ein Ziel der Streutalallianz ist. Bis 2030 soll der öffentliche Verkehr in heimischen Gefilden deutlich verbessert werden. Was sind dafür die Voraussetzungen?

Rechtliche Hürden müssen überwunden werden

Obgleich technisch schon vieles möglich ist, hemmen rechtliche Hürden den autonomen Verkehr in Deutschland. Schnellstmöglich müsse Rechtssicherheit geschaffen werden, forderte Lukas Pflugfelder von der Politik. Denn er ist überzeugt: In ländlichen Gebieten kann autonomer öffentlicher Verkehr zu mehr Flexibilität und individuelleren Nutzungen führen. In einem ersten Schritt, den der Masterand bis 2024 für umsetzbar hält, könnte in Mellrichstadt eine Testphase für autonome Fahrzeuge auf festen Routen mit festen Haltepunkten in der Kernstadt eingerichtet werden. Auf einer Linie in einen Stadtteil, etwa nach Eußenhausen, könnte zugleich ein autonomer Rufbus getestet werden. Bis 2026 geht die Testphase so weit, dass es autonomen Linienverkehr in alle Stadtteile geben könnte, plus ein Angebot mit freiem Haltewunsch in der Kernstadt, steuerbar per App. Bus bestellen, reinsetzen, bis zum gewünschten Ziel chauffieren lassen und aussteigen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das ist das Ziel.

Im dritten Schritt soll dies bis 2028 auf die gesamte Stadt ausgeweitet werden, und auch weitere Gemeinden im VG-Bereich könnten angeschlossen werden. Autonomer Verkehr von Tür zu Tür, ohne Wartezeiten an Haltestellen, soll die Bürger ansprechen. Bis 2035 könnte dieses Modell auf das ganze Streutal übertragen werden, mit Anschluss an den Streutalbus und eine mögliche Streutalbahn sowie an Zentren wie Schweinfurt oder Meiningen, so die Vision von Lukas Pflugfelder.  

Förderprogramme für Innovationen anstoßen

Dafür muss sich einiges ändern – in den Köpfen der Leute und auch bei den rechtlichen Vorgaben, stellte der Masterand klar. Zudem seien Förderprogramme für derartige Innovationen wichtig. Denn sie bieten auch einige Risiken: Wie wird der Betrieb finanziert? Wie sieht es mit der Barrierefreiheit in Bussen und an Haltestellen aus, wenn gerade eine immer älter werdende Bevölkerung das Angebot nutzen soll? Und welche Auswirkungen haben autonome Fahrzeuge auf den Straßenverkehr?  

Dem gegenüber stehen die Chancen, die das Zukunftsprojekt bietet, zeigte Pflugfelder auf: einen nachhaltigen, gut vernetzten ÖPNV, keine Wartezeiten und direkte Wege. Die Tatsache, dass Mellrichstadt bei der Mobilität von morgen eine Vorreiterrolle in der Region einnimmt, könnte dazu beitragen, dass die neue Technik ein Aushängeschild für die Stadt wird, ist er sich sicher.   

Autonome Busse als Ergänzung zum ÖPNV

Skeptisch zeigte sich Sabrina Sum-Dietz vom Omnibus-Service Mellrichstadt (OSM). Sie stellte die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis in den Raum (ein autonomer Kleinbus kostet laut Lukas Pflugfelder 250 000 Euro und damit in etwa so viel wie ein großer Linienbus) und ärgerte sich über die Aussage, dass autonome Busse eine effektivere Nutzung bieten. "Der ÖPNV ist effektiv", wollte sie festgehalten wissen. Bürgermeister Michael Kraus merkte an, dass autonome Busse nicht mit dem ÖPNV in Konkurrenz treten, sondern vielmehr als Ergänzung gesehen werden müssten. "Es geht darum, ein Angebot zu schaffen, das Tag und Nacht nutzbar ist und für jede Gemeinde gilt." 

Mit der Masterarbeit von Lukas Pflugfelder sieht der Stadtchef eine gute Basis für das weitere Procedere bei der Mobilität von morgen. "Das Projekt ist wissenschaftlich fundiert und damit auch belastbar", sagte er. Und versprach: "Wir werden dranbleiben!"