Bad Neustadt

Glosse: Verkehrserziehung

Die Heimat staunt: Da taucht der leibhaftige Bürgermeister unseres schönen Industriestädtchens nachts in der Neuschter Kneipenszene auf, um den Wirten die neuesten Corona-Instruktionen gewissermaßen "druckfrisch" zu überbringen. Kurz darauf sieht man ihn am Steuer eines Löschfahrzeugs der Feuerwehr mit Blaulicht durch Herschfeld rasen. Eine Action-Szene! Und am Morgen inspiziert er persönlich den gefährlichen Schulweg von Kindern.

Kein Zweifel: Michael Werner und "sein" städtischer Geschäftsleiter Christoph Neubauer haben das Klima im Rathaus verändert. Man pflegt bürgernahen Führungsstil. Neue Besen kehren gut. Das bekam auch eine Delegation von Herschfeldern zu spüren, die sich im Rathaus bitterlich über den Verkehr beschwerte, der nach der Sperrung der Falltorstraße jetzt durch ihr Wohnviertel rauscht. Aber obwohl der neue Rathauschef Abhilfe versprach, argumentierte er den "Protestlern" doch zu autofixiert.

Von wegen "Die Straße gehört den Autos". Konservative konservieren nun mal gern. Besonders die Verkehrskonzepte von Vorgestern. Die "Herschelder" beklagten, dass immer noch viele "Nicht-Anlieger" über Wohnstraßen zum Campus abkürzten, anstatt die als Umleitung ausgeschilderte NES 20 zu benutzen. Sicher, ein paar davon verirrten sich unfreiwillig, weil sie aufgrund digitaler Demenz ausschließlich nach Navi fahren. Aber die Mehrheit verhielte sich bewusst asozial. Pfui!

Von auffällig vielen Taxis war da die Rede, die sich durch das Nadelöhr "Liebenthaler Straße" am Kindergarten zwängten, wo es für die armen Kleinen keinen Gehweg gibt. Das Problem sei, so der Bürgermeister, dass die Polizei den Fahrern nur schwer nachweisen könne, dass sie eben KEINE Anlieger sind. Die armen Taxifahrer! Laut Umfragen rangiert ihr Sozialstatus mittlerweile zwischen "Politiker" und "Lehrer". Früher, als zur Ausübung ihres Berufs noch Finessen wie "Ortskundigkeit" erforderlich waren, sah das anders aus. Heute gibt's Navis. Allerdings sollten "Profis" wenigstens noch die Bedeutung des Vorschriftszeichens 250 mit Zusatz "Anlieger frei" kennen.

Aber kann man Vertretern eines aussterbenden Berufsstandes überhaupt böse sein? Ganz klar: In wenigen Jahren werden "Uber" und selbstfahrende Autos das Taxi verdrängen. Ins Heimatmuseum! Drücken wir also ein Auge zu, wenn die zumeist schon älteren Fahrer dort herumgurken, wo sie nichts verloren haben. Nebenbei bemerkt: Schaltet ein Taxameter bei "Wartezeiten" nicht auf "Zeitabrechnung" um? Und dauert das "Gegonkel" durch Herschfeld nicht viel länger als eine Fahrt über die NES 20? Der Bürgermeister zumindest ist davon überzeugt. Na also!

Für eine "Entschleunigung" Herschfelds sorgen die Anwohner in Eigeninitiative. Sie parken sämtliche Fahrzeuge an der Straße. Sogar Anhänger. Alles legal! Und Radfahrer halten dann den vorgeschriebenen Abstand zum "ruhenden Verkehr" ein. Penibel! Sie fahren bewusst "defensiv", wenn hinter ihnen ein fetter SUV mit fremden Kennzeichen nicht überholen kann. Auch dann, wenn dessen Fahrer mit hochrotem Kopf vorschriftswidrig hupt. Von wegen "Verkehrsbehinderung" - es geht um "Verkehrserziehung"!

Mal Tacheles: Herschfeld ist durch die tägliche Blechlawine längst zu einem jener hässlichen Vororte verkommen, die man heute überall findet. Aber man wird den Verursachern die "freie Fahrt für freie Bürger" schon noch austreiben! Die geplanten Bedarfs-Fußgängerampeln an der Abzweigung zur Falltorstraße dürften selbst die letzten Ignoranten dazu erziehen, auch nach Abschluss der Bauarbeiten die NES 20 zu benutzen. Die Devise einer neugegründeten Bürgerinitiative lautet: "Drücken für Herschfeld!" Gemeint ist die Ampel. Man muss sich das vorstellen.